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Was macht mein Chef den ganzen Tag? Und was mein Mitarbeiter? Ilker Aksoy und Gerd Kullik haben es ausprobiert.

Winterlich kalt ist es auf dem Werksgelände von ThyssenKrupp Steel Europe in Duisburg-Schwelgern. Der Triebfahrzeugführer Ilker Aksoy und Gerd Kullik, sein Teamkoordinator im Funktionsbereich Logistik, stehen gemeinsam in der Führerkabine einer 88 Meter langen Eisenbahn. So wie jeden Tag befördert der Zug 780 Tonnen flüssiges Roheisen zur Weiterverarbeitung ins Stahlwerk Beeckerwerth. Doch dass Aksoy und Kullik den Zug gemeinsam steuern, das ist tatsächlich etwas Ungewöhnliches.

Gerd Kullik begleitet den Lokführer in dessen Schicht. „Ich bin um halb vier in der Frühe aufgestanden, um pünktlich zum Schichtbeginn von Herrn Aksoy um sechs Uhr da zu sein – so was bin ich echt nicht gewohnt“, sagt Kullik lächelnd. Vor wenigen Monaten hat Ilker Aksoy seinen Vorgesetzten einen ganzen Tag lang begleitet – zu Besprechungen, Konferenzen, Terminen, von acht bis kurz vor 16 Uhr. „Es war ein randvoller, sehr langer Arbeitstag – dafür braucht man wirklich Ausdauer und Konzentration“, sagt der Duisburger.

Die Idee ist in einem Leitbildworkshop entstanden: Mitarbeiter lernen – natürlich auf freiwilliger Basis – den Arbeitsalltag einer Führungskraft kennen. Der Chef wiederum begleitet seine Mitarbeiter vor Ort. Ziel der Aktion: Transparenz schaffen, Verständnis entgegenbringen, Hemmschwellen abbauen.

So werden Waggons richtig aneinandergekoppelt: Ilker Aksoy zeigt seinem Chef die Feinarbeit.

„Wir können so etwas nur wärmstens zur Nachahmung empfehlen.“

ILKER AKSOY (33), Triebfahrzeugführer, GERD KULIK (49), Teamkoordinator

„Ich habe mich spontan für die Aktion gemeldet“, berichtet Ilker Ak-soy. Ihn interessierte, was sein Chef eigentlich so macht. „Insgesamt habe ich von dem Tag mit Herrn Kullik eine Menge mitgenommen. Was mich sehr beeindruckt hat, war das straffe Tagesprogramm. Besprechungen, Meldungen sichten, Telefonate, Ortstermine, Mails nonstop, mit den Mitarbeitern und dem Chef kommunizieren … Immer wieder mussten Entscheidungen getroffen oder vorbereitet werden, sprichwörtlich Weichen gestellt werden. So wurde beispielsweise ein neues Konzept für die Sicherheitstage im Bahnbetrieb verabschiedet und eine Auswahl an nässe- und kälteresistenten Handschuhen für den Test getroffen. Aksoy hat erlebt, wie Kullik 600 Mitarbeiter verantwortlich führt: „Ich habe auch gelernt, dass seine Tür immer offen steht, das ist ein gutes Gefühl.“ Der Tag mit Herrn Aksoy auf der Lok habe ihm auch viel gegeben, berichtet wiederum Gerd Kullik. „Ich habe einmal am eigenen Leib erfahren, wie es ist, weitestgehend allein stundenlang bei Wind und Wetter draußen zu arbeiten. Ich weiß jetzt aus einer neuen Perspektive, dass die Arbeit der Triebfahrzeugführer vielschichtig und nicht ungefährlich ist.“

Im Alltag des anderen: Gerd Kullik (links) und Ilker Aksoy.

Voll Respekt spricht der Vorgesetzte über seine Mitarbeiter. „Diese Männer und Frauen tragen hohe Verantwortung – nicht nur dafür, dass sie ihr wertvolles Transportgut sicher, vollständig und pünktlich von A nach B bringen, sondern auch für die eigene Gesundheit und die anderer Menschen. Mir ist unmittelbar deutlich geworden, wie körperlich anstrengend so eine Schicht ist und dass gute Schutzkleidung unerlässlich ist. Mit unserer Offensive für die persönliche Schutzkleidung hoffen wir, endlich den Anforderungen im Eisenbahnbetrieb gerecht zu werden. Mein Respekt vor der Leistung unserer Mitarbeiter ist noch größer geworden.“