„Wer stehen bleibt, hat verloren"

Für Mitarbeiter ist Innovation eine echte Chance. Darin sind sich Vorstand Heribert R. Fischer und der Trendforscher Matthias Horx einig. Hier die wichtigsten Antworten eines 90-minütigen Gesprächs.

Vorstand Heribert R. Fischer mit Trendforscher Matthias Horx

Herr Fischer, ist Innovation für Mitarbeiter Gefahr oder Chance?

Nur dank ihrer Innovationsfähigkeit kann die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb bestehen. Darum ist Innovation für Mitarbeiter unbedingt eine Chance. Wer stehen bleibt, hat verloren. Allein ständige Weiterentwicklung sichert Arbeitsplätze und sorgt dafür, dass wir auch in Zukunft an unseren Standorten erfolgreich tätig sein können. Als Mitarbeiter möchte ich persönlich deshalb nur in einem innovativen Unternehmen tätig sein. Wer nicht innovativ ist, wird vom Markt verschwinden.

Wie fördern Sie bei der Belegschaft Innovationsideen?

Wichtig ist ein gutes Innovationsklima. Wir wollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehen, ihre Kreativität fördern, ihre menschliche Neugier wecken. Expertentum und Fachwissen ist auch in Zukunft essenziell. Darüber hinaus braucht man einige Querdenker, die an Fragestellungen anders als gewohnt herangehen. Interessant sind vor allem junge Leute, die von den Hochschulen kommen und deren Blick noch nicht verstellt ist. Wir müssen dafür sorgen, dass sie sich ihre Neugier und Offenheit lange bewahren.

Hat ThyssenKrupp Steel Europe genug Genies?

Nur die wenigsten Innovationen beruhen auf geistesblitzartigen Geniestreichen. Statt einer Einzelleistung führt meist Teamarbeit ein Unternehmen zum Erfolg. Unsere Innovationspreise werden von Teams gewonnen. Die Herausforderung in den nächsten Jahren wird sein, Innovationen nicht nur in den spezifischen Bereichen von Forschung und Entwicklung einzufordern, sondern bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Braucht die intelligente Fabrik noch Mitarbeiter?

Davon bin ich überzeugt. Das menschenleere Stahlwerk sehe ich auch in Zukunft nicht. Natürlich haben wir einen zunehmenden Automatisierungsgrad. Und natürlich führt das dazu, dass wir weniger manuelle Tätigkeiten haben in den Werken. Was aber nach wie vor erforderlich sein wird, sind Leute, die Prozesse überwachen und die Qualität sicherstellen. Und die vor allem daran arbeiten, die Prozesse weiter zu optimieren.

Arbeiten in Stahlunternehmen künftig mehr Frauen?

Ja, denn das ist eine ganz entscheidende Frage: Wie gelingt es, Frauen für Jobs in Stahlwerken zu begeistern? Mit diesem Thema beschäftigen sich die Chefs im Mittelstand und in der Großindustrie inzwischen genauso wie mit Walzstraßen oder Werkstoffen. Frauen müssen attraktive Aufstiegschancen haben bis hinauf in die Führungsetage. Ohne die weiblichen Talente wird keine Industrie auf Dauer auskommen. Denn wir werden eine Knappheit an Talenten haben.

Heribert R. Fischer, Vorstand Vertrieb & Innovation. Der Diplom-Ingenieur ist seit Oktober 2011 im Vorstand von ThyssenKrupp Steel Europe. Zuvor war er in anderen Leitungsfunktionen für das Unternehmen tätig, auch vier Jahre in China.

Herr Horx, welche Anforderung stellt Innovation an Mitarbeiter?

Innovation erfordert, dass Menschen sich in einer Gesellschaft permanent weiterbilden. Die Qualifikation muss steigen, auf dem gesamten Niveau. Dadurch steigen dann auch Einkommen und Wohlstand. Das ist das Erfolgsmodell innovativer Volkswirtschaften. In skandinavischen Ländern sind heute bereits 60 Prozent der Bevölkerung hoch gebildet, wobei dazu nicht nur die akademische, sondern auch die technische Qualifikation zählt.

Macht Innovation die Menschen arbeitslos?

Schon die Schreckensutopien der 60er-Jahre, dass wir in 20, 30 Jahren alle arbeitslos sein werden, haben sich nicht bewahrheitet. Wir haben heute mehr Arbeitsplätze denn je, und auch ganz viele, wo wir den Menschen überhaupt nicht wegdenken können. Aber sicherlich wird dort, wo es heiß, laut und staubig ist, der Mensch künftig anders gefordert sein: in der Funktion des Kontrolleurs, des Technikers, des Systemanalytikers.

In welche Richtung entwickelt sich die Arbeitswelt?

Früher brauchte man Spezialisten, die ihr Gebiet absolut beherrschten. Heute, und künftig noch mehr, braucht man Universalisten, die gleichzeitig auch Fachkenntnisse haben. Das ist eine viel komplexere Anforderung. Es bedeutet, dass ein Unternehmen seine Grenzen durchlässig machen muss. Generell geht es darum, über den Rand des eigenen Fachbereichs hinaus Veränderungen wahrzunehmen und ins Arbeitsleben einzubeziehen.

Matthias Horx, Zukunftsforscher. Einst Redakteur bei der „Zeit“, gründete Horx 1996 das Zukunftsinstitut. Als Berater und Autor beschäftigt er sich mit den Wechselwirkungen von sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.