Die Mannschaft bleibt komplett

Steel Europe hat zum Oktober die 31-Stunden-Woche eingeführt. Entlassen wird niemand. Kollegen erzählen, wie sie diese Lösung finden.

Die Botschaft an sich ist nicht schön: ThyssenKrupp Steel Europe befindet sich immer noch in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation und Personalanpassungsmaßnahmen im Rahmen des Programms „BiC reloaded“ waren und sind unumgänglich. Im engen Schulterschluss mit der Mitbestimmungsseite hat sich das Unternehmen aber bemüht, die Anpassungen so sozial verträglich wie möglich zu gestalten. Dabei herausgekommen sind ein im vergangenen September geschlossener Haustarifvertrag, ein Interessenausgleich und ein Sozialplan. Mit diesen Instrumenten beschreitet das Unternehmen komplett neue Wege. Die Arbeitszeitverkürzung auf eine „31-Stunden-Woche im Tarifbereich“ ist eine zukunftsorientierte Alternative zum klassischen Personalabbau-Sozialplan.

„Dieses moderne Personalinstrument schickt nicht, wie es früher geschehen ist, ganze Mitarbeiterjahrgänge frühzeitig weg, sondern verteilt die Lasten nun auf eine breite Basis. Sowohl Tarifmitarbeiter als auch AT-Mitarbeiter leisten ihren solidarischen Beitrag. Die Tarifmitarbeiter verzichten bis zum Erreichen der 34-Stunden-Woche auf Arbeitszeit und damit einhergehend auf Entgelt, das zum Teil auch wieder ausgeglichen wird – dafür wird aber niemandem betriebsbedingt gekündigt. AT-Angestellte verzichten bis Ende September 2019 auf sechs zusätzliche freie Tage pro Jahr oder auf 2,44 Prozent Gehalt“, erklärt Gesamtbetriebsratsvorsitzender Günter Back. Zudem wurden zwei turnusmäßige AT-Gehaltsrunden ausgesetzt. Personalvorstand Thomas Schlenz ergänzt: „Mit der zum 1. Oktober 2014 in Kraft getretenen, bis zum Jahr 2020 befristeten Arbeitszeitverkürzung für tarifliche Beschäftigte halten wir Arbeitsplätze und Know-how im Unternehmen und kommen unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung nach – das ist ein intelligentes und flexibles System.“ Denn sollte die Vision von TKSE bald Realität werden, die Konzernprogramme greifen und es dem Unternehmen schon vor Ablauf des Tarifvertrags wieder besser gehen, könnten die wöchentliche Arbeitszeit und damit die Entgelte schneller als im Tarifvertrag vorgesehen wieder hochgefahren werden. Das sieht eine entsprechende Ausstiegsklausel vor.

Udo Winkler, Elektriker, Stranggießanlage Bruckhausen, Bereich Rohstahl
„Meine Wahrnehmung ist, dass die Arbeitszeitverkürzung als Mittel zur Sicherung von Arbeitsplätzen anstelle von Stellenabbau bei den Kolleginnen und Kollegen nicht infrage gestellt wird. Vielmehr wird sie von den allermeisten als Chance gesehen, die anhaltend schlechte wirtschaftliche Situation zu überbrücken – da gibt es kein Vertun. Dass damit aber für viele auch Belastungen am Arbeitsplatz und im Privatleben verbunden sind, ist die
Kehrseite der Medaille.“

Heike Rödel, Sachbearbeiterin im Technischen Info-Center, Bereich TIS
„Ich finde es gut, dass niemand seinen Job verliert – insoweit dient mein geringeres Einkommen ja einem guten Zweck. Schade finde ich, dass ich meine durch Arbeitszeitverzicht erlangten freien Tage nicht flexibel ‚abfeiern‘ kann, sondern dies zweiwöchentlich mit einem freien Freitag tun soll. Das empfinde ich schon als eine Einschränkung.“

Angelina Huld, Mechatronikerin im Reduktionslabor Bereich Roheisen, Stellvertretende Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung
„Viele Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben wussten zwar, dass die 31-Stunden-Woche kommt, nicht aber, was das für sie konkret bedeutet. Das hat zu Unsicherheit und Unmut geführt. Viele sehen inzwischen, dass auch die Jugend von der ergänzend geschlossenen Vereinbarung profitiert und viele Azubis jetzt eine neue Perspektive haben. Immerhin werden die bis Ende September 2014 und 2015 befristeten Verträge der Auslerner des Ausbildungsjahres 2010 auf bis zu zwei Jahre bei der PEAG verlängert – mit dem Ziel einer unbefristeten Übernahme zu Steel Europe. Das ist großartig! Viele freuen sich für die Ausgelernten – manch einer erinnert sich noch gut an die eigene Situation zu Beginn des Berufslebens.“

Jürgen Labudda, Elektromaschinenmonteur in der Elektrohauptwerkstatt, Bereich TSE
„Weil sich unsere täglichen Arbeitszeiten ändern sollen, sind viele Arbeitskollegen in den Werkstätten sehr enttäuscht. Wenn man aber das große Ganze sieht und sich vergegenwärtigt, dass es auch anders hätte ausgehen können, mit Werkschließungen und zahllosen Entlassungen, sollten wir den Kompromiss mittragen.“