Der digitale Weg in die Zukunft

Michael Kranz ist IT-Chef und CIO bei Steel. Im Interview erzählt er, warum das Unternehmen Daten sammeln, analysieren und schützen muss. Und warum er Steel für ein modernes Unternehmen hält.

„Kunden begeistern mit intelligenten digitalen Lösungen.“ CIO Michael Kranz

Herr Kranz, Unternehmen, die sich der Digitalisierung verschlossen haben – wie Nokia oder Neckermann – spielen heute keine Rolle mehr am Markt.

Das sind warnende Beispiele. Am Anfang hat es die Musikindustrie erwischt, dann die Telekommunikationsindustrie. Niemand hätte gedacht, dass es auch die Automobilindustrie treffen würde. Und jetzt reden wir vom autonomen Fahren. Auch wenn man sich das für unsere Branche noch nicht vorstellen kann, müssen auch wir schon jetzt darüber nachdenken, was sein könnte und Ideen entwickeln, um uns vorzubereiten. Denn wir wollen selbst den Takt angeben und uns nicht von anderen treiben oder verdrängen lassen.

Manches kann man sich gut vorstellen. Kunden bestellen ja heute schon zu einem sehr großen Teil online.

Ein digitaler Bestellprozess ist heute Stand der Technik. Digitalisierung geht aber einen großen Schritt weiter: In unserem Fertigungsprozess generieren wir sehr viele Daten, über zeitliche Abläufe, Fertigungswege, Produktbeschaffenheit und vieles mehr. Heute nutzen wir sie größtenteils, um die Qualität zu steigern. Die Frage wird in Zukunft sein, wozu wir diesen Datenschatz darüber hinaus noch nutzen können? Lassen sich daraus Modelle entwickeln, die uns oder unseren Kunden einen Mehrwert bieten? Zum Beispiel, indem sie erfahren, wie das Material im Detail beschaffen ist, das sie von uns kaufen. Diese Daten und die Erkenntnisse daraus stellen einen hohen Wert dar, den wir nicht verschenken wollen. Deshalb arbeiten wir bereits an Pilotprojekten – auch in Kooperation mit ausgewählten Kunden und ihren Daten – um diese Potenziale in beiderseitigem Interesse heben zu können.

Sind solche Projekte in allen Bereichen möglich?

Prinzipiell ja. Wichtig ist jedoch, dass dies koordiniert abläuft. Deshalb haben wir das DAO gegründet. DAO steht für „Digital Acceleration Office“, dabei geht es darum, digitale Projekte zu fördern und zu beschleunigen. Das Team setzt sich aus engagierten Mitarbeitern aus vielen unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens zusammen.

Ist Digitalisierung also ein Programm mit einem Endtermin?

Die Digitalisierung ist kein einzelnes Projekt oder Programm. Letztendlich wird sie alles, was wir tun, beeinflussen. Wir betrachten sie als eine Reise, auf der wir uns mit ihren Themen auseinandersetzen. Denn der Markt bleibt nicht stehen. Die digitalen Geräte werden immer leistungsfähiger, und junge Leute, die zu uns kommen, gehen ganz selbstverständlich mit ihnen um. Sie erwarten, dieses Denken auch bei uns vorzufinden. Wir wollen mit der Entwicklung Schritt halten.

Andererseits scheinen viele die Digitalisierung als Schreckgespenst zu empfinden.

Viele sind unsicher, weil sie nicht wissen, was es heißt. Darum müssen wir als Unternehmen viel erklären. Alle sollen verstehen, dass die Digitalisierung einen Nutzen bringen wird. Das Thema Datensicherheit spielt dabei eine große Rolle. Wir werden mit den Daten, die wir sammeln, sorgsam umgehen. Die Mitarbeiter sollten der Digitalisierung mit einer gewissen Gelassenheit begegnen. Das Unternehmen hat sich immer verändert, sonst wären wir heute noch mit Laufkarten oder Bleistift und Papier unterwegs.

Oder gar nicht mehr.

Genau. Was die Menschen am meisten fordert, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge heute verändern. Als Papier durch Fax oder Telefon und später durch Email abgelöst wurde, hat das jeweils seine Zeit gebraucht. Heute geht das sehr schnell. 2010 gab es das erste iPad. 2017 haben wir bereits die fünfte Generation und ihre Leistungsfähigkeit hat sich jedes Mal verdoppelt. Das ist eine rasante Entwicklung.

Es existiert die Prognose, dass wir in fünf Jahren einen Computer mit der Rechenkapazität eines menschlichen Gehirns auf dem Schreibtisch stehen haben.

Wird Rechenkapazität mit Fähigkeiten gleichgesetzt? Was bedeutet das für unsere Arbeit?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Wir sehen jedoch, dass leistungsfähige Technologien bestimmte menschliche Fähigkeiten übernehmen können, wie z.B. Spracherkennung. Verständlich, dass es einigen bei dem Gedanken an solche Entwicklungen mulmig wird. Es kann sicher sinnvoll sein, schwere, lästige Routinearbeiten zu digitalisieren oder zu automatisieren und die Mitarbeiter davon zu befreien. Demgegenüber wird der Bedarf an Qualifizierung steigen, um die Chancen der digitalen Welt zu nutzen. Und wir wollen auch attraktiv sein für Mitarbeiter, die bereit sind sich weiterzubilden.

Wie steht es um we.connect, unser Tool für die digitale Zusammenarbeit?

Mit we.connect hat thyssenkrupp eine sehr fortschrittliche Plattform für übergreifende Zusammenarbeit im Konzern eingeführt. we.connect hat jedoch ein typisches Startproblem: Wir werden alle mit Informationen überschwemmt. Jeder soll aus dieser Fülle das für ihn Wichtige heraussuchen. Da bleibt wenig Zeit für „noch etwas obendrauf“. Solange die Plattform ein zusätzlicher Kanal bleibt, werden wir mit ihr nur sehr langsam zum Erfolg kommen.

Aber wie können wir we.connect attraktiv machen?

Für mich ist das gelebtes Change-Management, unsere Führungskräfte müssen bestimmte Projekte einfach mal exklusiv auf der Plattform laufen lassen und die E-Mail-Kommunikation zurückfahren. Dann sollten sie Feedback geben und die Mitarbeiter zur Nutzung motivieren. Vor allem müssen sie das Tool selbst nutzen. Albert Schweitzer hat einmal gesagt, Vorbild zu sein ist nicht nur die wichtigste Art, andere Menschen zu beeinflussen, sondern die einzige.

Digitalisierung und Industrie 4.0 – wo verlaufen die Grenzen, wo ist es das Gleiche?

Beide Begriffe beschreiben die große digitale Entwicklung. Liegt sie näher an der Produktion, wird das eher Industrie 4.0 genannt. Doch auf den Namen kommt es nicht an. Letztlich geht es darum, was wir mit den heute bestehenden technischen Möglichkeiten der digitalen Welt für unser Geschäft tun können. Und das entscheiden wir anhand ganz klar definierter Projekte. Wichtig ist, dass das Ergebnis stimmt und unsere Kunden begeistert auf uns schauen und sagen: Die haben Digitalisierung verstanden.

Wie weit sind wir damit?

Wir sind unterschiedlich weit. Die Kollegen bei unserer BU Precision Steel in Hohenlimburg haben zum Beispiel eine App erprobt, über die Kunden jederzeit nachvollziehen können, in welchem Stadium sich ihr Produkt befindet. Das ist ein schönes Projekt, für das es auch den we.innovate Digital Award gab. Allerdings lässt es sich nicht einfach mit ein paar Servern mehr auf die große Dimension der Hütte erweitern. Dafür müssen wir unsere Wertschöpfungskette genau anschauen – und ohne gewisse Standardisierungs- und Aufräumarbeiten wird es nicht gehen. Projekte wie daproh Steel und die Erneuerung der Fertigungsleitsysteme sind ganz wichtige Bausteine, damit wir überall die Daten bekommen, die wir für die neuen Modelle brauchen.

Wer ist alles in den Prozess involviert?

Das führt mich zum wichtigsten Erfolgsfaktor der Digitalisierung. Das Zauberwort heißt übergreifende Zusammenarbeit. In unserer komplexen Welt kann keiner für sich in Anspruch nehmen, dass er alleine weiß, wie’s funktioniert. Nur gemeinsam kommen wir zu den besten Lösungen. Wir brauchen das Fachwissen aus den Abteilungen, aber auch die Experten für die Datenanalyse, die Juristen und den Einkauf für das Vertragswesen und die Kollegen aus der Produktion für die Fertigungsprozesse, um nur einige Beispiele zu nennen. Natürlich arbeiten wir themenabhängig mit viel mehr Bereichen zusammen und binden selbstverständlich auch die Mitbestimmung mit ein. Die IT selbst ist für die professionelle Umsetzung auf eine IT-Plattform zuständig, damit Benutzerfreundlichkeit, Performance, Sicherheit und Flexibilität langfristig sichergestellt sind.

Haben Sie einen konkreten Fahrplan?

Das Gute ist, dass unser Vorstand die Digitalisierung vorantreibt. Wir sind gemeinsam mit allen wesentlichen Bereichen dabei, einen Fahrplan für die nächsten fünf Jahre aufzustellen. Diesen Plan überprüfen wir einmal jährlich und gehen dann ganz gezielt Projekte an. Wichtig ist, dabei auch mal ein Experiment zu wagen. Wir müssen lernen, dass es nicht schädlich ist, wenn etwas mal nicht funktioniert. Die Kunst besteht darin, eine Idee schnell umzusetzen und wenn etwas nicht klappt, aus den Erkenntnissen wichtige Schlüsse zu ziehen.

Wie verhindern wir, dass wir zu einem gläsernen Unternehmen werden?

Das ist eine Frage der Vereinbarungen, die man mit den Kunden und innerhalb des Unternehmens trifft. Die Notwendigkeit, Verträge abzuschließen, ändert sich mit der Digitalisierung nicht. Betriebsvereinbarungen gehören übrigens auch dazu.

Allerdings müssen alle Vertragsparteien verstehen, dass heutige etablierte Regelungen ggf. durch andere Regelungen zu ersetzen sind. Beispielsweise legen unsere Kunden heute die Toleranzspezifikationen fest, die wir für ein Produkt nachweisen müssen. Wenn wir so weit sind, Kunden über Daten mitteilen zu können, wie ihr Coil an jeder Stelle beschaffen ist, müssen wir auch eine juristische Vereinbarung darüber treffen, was sie mit diesen Informationen tun dürfen und was nicht. Dass sie eben nicht das komplette Produkt reklamieren dürfen, nur weil es an einer Stelle möglicherweise die Spezifikation nicht trifft. Dafür gäbe es einen enormen Vorteil beim Kunden, mit unseren Daten seine Anlagen optimaler zu fahren. Das bereits eingeführte Quality Tracking mit Barcode ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Können wir unsere Daten denn nach außen absichern?

Das Internet ist ein schwieriges Umfeld. Wir sind sehr groß und komplex und werden sicher wieder angegriffen. Dafür sind wir als Technologieunternehmen einfach zu attraktiv. Grundsätzlich ist die Frage nicht, ob wir gehackt werden, sondern ob wir es rechtzeitig feststellen. Früher hat man einen Zaun ums Gelände gebaut, heute braucht man zusätzlich Früherkennungsmethoden auf dem Gelände, wie Bewegungssensoren und Alarmanlagen. Dieses Prinzip übertragen wir auch auf unsere digitalen Sicherheitsvorkehrungen. Zudem haben wir eine sehr enge Kooperation mit dem Computer Emergency Response Team in Essen und können schnell reagieren.

Letztlich ist Informationssicherheit aber schon fast vergleichbar mit Arbeitssicherheit. Wir brauchen bei den Menschen Verständnis für unsere Sicherheitsmaßnahmen, wie z.B. regelmäßige Passwortwechsel, aber auch Aufmerksamkeit, wie etwa bei ungewöhnlichen Emails.

Tipp: Übrigens kann sich jeder beim Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik für Bürger (BSI) für einen Online-Newsletter anmelden.

Behalten wir eigentlich einen Überblick über all die Daten?

In Zukunft werden uns sicher viel mehr Daten zur Verfügung stehen. Wir müssen auf sie aufpassen und regeln, wer sie sehen darf. Die große Kunst wird darin bestehen, diese Daten miteinander zu verknüpfen. Stichwort Big Data. Da geht es ja nicht um Big im Sinne von Viel, sondern um Vernetzung. Simpel gesprochen heißt das: Ich vernetze bestimmte Informationen und finde plötzlich Zusammenhänge. Das sind die Themen, mit denen sich die Daten-Analysten beschäftigen. Sie versuchen Muster zu erkennen: Zum Beispiel, immer wenn eine bestimmte Luftfeuchtigkeit herrscht, entsteht ein bestimmtes Qualitätsproblem.

Halten Sie uns für ein modernes Unternehmen?

Ja. Ich glaube, dass wir in vielen Bereichen schon viel erreicht haben. Wir reden nur nicht immer so gerne darüber. Jetzt müssen wir es schaffen, die bereichsübergreifende Zusammenarbeit und die Vernetzung der Daten zielgerichtet nach vorne zu treiben. Denn ein technologischer Vorsprung alleine reicht nicht. Erst das gezielte Zusammenspiel von Menschen, Prozessen, Organisation, IT und Daten zur Optimierung des Gesamtsystems thyssenkrupp Steel schafft Werte für unsere Kunden. Und da sind wir modern, weil wir mit one steel übergreifend die richtigen Themen angehen. Ein modernes Unternehmen sind wir natürlich auch deshalb, weil unsere Mitarbeiter immer wieder eine neue Idee haben, wie wir uns in die Zukunft entwickeln können.