„Wir kümmern uns. Gut so!“

13 Flüchtlinge starten mit 300 weiteren Auszubildenden.

Anja Tilp und Tim Buitelaar betreuen die Auszubildenen in Bochum und legen Wert auf Teamgeist.

Sabrina Dannies, Ausbilderin in Duisburg, setzt auf eine gut durchmischte Gruppe für eine erfolgreiche Integration.

Hat immer ein offenes Ohr für die Azubis: Frank Kleinfeld, Ausbilder für Elektroniker in Duisburg.

„we help“ heißt eine thyssenkrupp Initiative zur Integration von Flüchtlingen. Der Konzern bietet Menschen, die vor kurzem unter widrigen Umständen ihre Heimat verlassen mussten und nun versuchen, in unserem Land wieder Fuß zu fassen, Praktikums- und Ausbildungsplätze an. würdigte am 02.09.2016 dieses Engagement sowie das aller Unternehmen des Bündnisses „Wir zusammen“ mit seinem Besuch im Essener Quartier. Aber wie genau sieht sie aus, die Integration, die Ausbildung, die Realität?

In diesen Tagen beginnt das neue Ausbildungsjahr 2016/17. Über 300 junge Leute fangen ihre Ausbildung bei Steel an, davon sind 13 Geflüchtete – junge Menschen, die zum Teil Unvorstellbares erlebt haben. Kolleginnen und Kollegen bei Steel helfen ihnen, wieder Vertrauen zu fassen und vor allem mit einer sehr guten Ausbildung für sich selbst sorgen zu können: Unsere Ausbilder.

Um eines vorwegzunehmen: Alle Ausbilder bei Steel finden es gut, dass sich der Konzern engagiert. Sie freuen sich auf die neuen Gesichter und die Herausforderung, die damit einhergeht. Sie sind auch optimistisch, dass alles gut gehen wird. Aber die Kollegen sind sich auch alle bewusst, dass es sich um besondere Auszubildende handelt und ihre Integration nicht von selbst passiert. Die jungen Leute sollten auf keinen Fall nur mit ihren Landsleuten zusammen sein, sondern in bunt gemischten Gruppen lernen und kommunizieren. Auf dieses Konzept setzen die Ausbilder generell, egal welche Nationen zusammen kommen. „Wenn die Azubis nicht in ihrer gewohnten Gruppe sind, lernen sie viel eher neue Leute kennen. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, und das mache ich in diesem Jahr mit unseren drei geflüchteten Azubis genauso“, spiegelt Sabrina Dannies, Ausbilderin in Duisburg, auch die Ansicht ihrer Kollegen wider. Es ist ihr täglich Brot, aus Schulabgängern Profis zu machen. „Das ist doch meine Arbeit“, so das Selbstverständnis von Tim Buitelaar, Ausbilder in Bochum. „Migrationshintergrund ist keine Neuheit in unserem Unternehmen.“

Und doch ist es etwas anders in diesem Jahr. Integration scheint noch wichtiger zu sein als sonst. Viele Nationen treffen in der Ausbildung aufeinander. Dannies, die auch seit vielen Jahren als Kulturmittlerin im Unternehmen tätig ist, relativiert eventuell bestehende Befürchtungen: „Konflikte zwischen Azubis unterschiedlicher Nationen gibt es immer mal wieder. Mit ein wenig Fingerspitzengefühl sind solche Situationen aber auch schnell wieder entschärft. Das bringt unser Job mit sich.“

Die Ausbilder an allen Standorten sind sich einig: Sonderbehandlung gibt es so wenig wie möglich – im Interesse beider Seiten. „Sonst“, so Anja Tilp, Ausbilderin in Bochum, „klappt es mit der Integration nicht.“ Einzige Ausnahme sind Sprachschwierigkeiten, die manche Flüchtlinge noch haben. Tilp hat ihre neuen Schützlinge eingeschworen – alle zusammen. „‘Haltet zusammen und unterstützt euch gegenseitig‘, das gebe ich meinen Azubis mit auf den Weg. Wenn sie Schwierigkeiten haben, können sie zu mir kommen.“ Frank Kleinfeld, Ausbilder für Elektroniker in Duisburg, fasst den Vorsatz der Ausbilder an allen Standorten treffend zusammen: „Wir werden im Alltag sehen, wie viel individuelle Behandlung nötig sein wird. Jetzt erst einmal sind es einfach vier weitere neue, junge Kollegen.“ Das Wort „weitere“ ist hier ganz wichtig, auch für die Ausbilder: Für die Flüchtlinge wurden extra Ausbildungsplätze eingerichtet, kein hiesiger geeigneter Bewerber auf einen Ausbildungsplatz wurde dafür abgewiesen. Und das bedeutet auch mehr Auszubildende als gewöhnlich.

Nicht alle Flüchtlinge starten mit derselben Voraussetzung: Die einen sind Neulinge in unserem Konzern, manche von ihnen haben schon einen Bildungsweg in ihrer Heimat hinter sich. Fast alle haben bereits ein Praktikum am Standort absolviert und sind mit der deutschen Sprache, mit Fachbegriffen und betrieblichen Abläufen vertraut. Das gibt auch den Ausbildern mehr Sicherheit, sie kennen bereits deren Motivation, Kenntnisse und vor allem deren Umgang mit dem Erlebten. „Wir wissen ja nicht genau, was die neuen Kollegen mitbringen, welche Qualifikationen, Sprachkenntnisse, Ängste“, so Daniel Utzeri, Ausbilder am Standort Kreuztal-Eichen. „Einige von ihnen haben in ihrem Heimatland bereits eine Ausbildung gemacht, die hier jedoch nicht anerkannt wird, sie kennen sich aber in ihrem Fach schon aus. Wir dürfen die Jungs nicht per se unterschätzen.“

Eine Sichtweise, die auch andere Ausbilder teilen. Wie verhalten sich unsere Auszubildenden, die in sicheren Verhältnissen aufgewachsen sind? Furcht oder Neugier, Respekt oder Arroganz – Integration ist immer auch eine Charakterfrage. Auch hier werden die Ausbilder gefordert sein, müssen ihr pädagogisches Können unter Beweis stellen. „Unsere im deutschen Bildungssystem aufgewachsenen Azubis können von den Geflüchteten wohl eine Menge lernen, Dinge wie Mut, Durchhaltevermögen, Teamgeist“, das sagen fast alle Ausbilder. Wie offen diese irgendwann über ihre Erlebnisse reden (können), das weiß allerdings heute noch niemand.