Supply-Chain-Management in der Luftfahrt neu denken

thyssenkrupp Aerospace CEO Patrick Marous über die Zukunft der Luftfahrindustrie und welche Rolle die Strukturen globaler Lieferketten dabei spielen.

Wenn eine Branche die Idee der Globalisierung verinnerlicht hat, dann ist es die Luftfahrtindustrie. Sie verbindet Menschen – weltweit, über alle Grenzen hinweg. Auch ihre Wertschöpfungsketten sind global ausgerichtet, perfekt vernetzt und ausgewogen. Unter normalen Umständen. Aber COVID-19 hat unsere schnelllebige Welt abrupt zum Stillstand gebracht. In den meisten Ländern versucht die Wirtschaft nach dem Stillstand den Weg zurück in den Arbeitsalltag zu finden. Aber die Luftfahrt ist immer noch am Boden – in mehrfacher Hinsicht. Nur wenige Flugzeuge heben ab. Regelmäßiger Betrieb am Flughafen und durch Fluggesellschaften? In absehbarer Zeit nicht wahrscheinlich. Gleiches gilt für die stark fragmentierte und stark voneinander abhängige Zulieferindustrie. Es ist bereits jetzt eine Tatsache: Die Branche steht vor Umbrüchen nie gekannten Ausmaßes. Und wie die Zukunft aussieht, hängt weitgehend davon ab, ob und wie sich unsere Reisegewohnheiten "post corona" verändern werden – sowohl privat als auch beruflich.

Smart denken und klein fliegen

Der Trend zu kleineren Flugzeugen, der sich bereits vor der Corona-Krise abzeichnete, wird sich weiter verstärken. Dies steht nun außer Frage. Die neuen "Überflieger", auch auf Langstrecken, werden in ihrer "XLR"-Variante höchstwahrscheinlich die flexibler einsetzbaren Single-Aisle-Modelle werden – zum Nachteil der Großraumflugzeugtypen. Wann ein Flugaufkommen wie in der Zeit vor Corona wieder erreicht werden kann (wenn überhaupt jemals wieder), steht in den Sternen. Es fehlt die Planbarkeit. Für die Zulieferindustrie bleibt die Situation extrem angespannt. Dies gilt umso mehr, da der Sekundärmarkt mit gebrauchten Flugzeugen überschwemmt werden wird, was zusätzlichen Druck auf den Markt für neue Flugzeuge ausüben wird. All dies wird zu einer Konsolidierungswelle führen. Wie schnell werden sie kommen, wie stark wird die Branche betroffen sein? Wir werden es herausfinden.

COVID-19 beschleunigt den Paradigmenwechsel in der Luft- und Raumfahrtindustrie

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Veränderungen der Anforderungen, Bedürfnisse und Folgen treiben diese Entwicklungen in einem unerwartet schnellen Tempo voran. Doch COVID-19 ist nicht der Auslöser. Trotz jahrelangem Wachstum, steigenden Bauzahlen und vollen Auftragsbüchern bei großen OEMs befindet sich die Luftfahrtindustrie seit einiger Zeit im Umbruch. Insbesondere im Bereich der zahlreichen Tier-2- und Tier-3-Zulieferer hat der wachsende Preisdruck entlang der gesamten Lieferkette in den letzten Jahren zu hohen (ungesunden) Abhängigkeitsquoten geführt.

Eines ist schon jetzt sicher: Die Strukturen globaler Lieferketten werden neu gedacht werden müssen. Der Lockdown hat nicht nur in der Luftfahrt deutlich gemacht, dass Krisen wie die aktuelle die globalen Netzwerke schnell und drastisch in die Knie zwingen können. Dabei geht es nicht nur um das Reshoring, d.h. die Rückverlagerung der Produktion besonders kritischer Komponenten und Bauteile in den Heimatmarkt oder sogar um Insourcing. Es geht auch um ein maßgeschneidertes Redesign, das lokale und globale Glieder der Lieferkette intelligent verbindet und steuert, und zwar zunächst unter den neuen Schlüsselkriterien Sicherheit, Belastbarkeit und Unabhängigkeit.

Vor diesem Hintergrund sind strategisch denkende Partner mit profunden Marktkenntnissen gefragt. Sie brauchen echtes Kundenverständnis, starke Netzwerke und die richtige Mischung aus vielseitiger Erfahrung, intelligenten IT-Lösungen und kreativen Digitalexperten. Schließlich müssen die Lieferketten ihrer Kunden nicht nur umgestaltet oder optimiert, sondern auch kontrolliert und sicher gemanagt werden.

Das neue Leitprinzip: Effiziente Sicherheit

Als Marktführer für integrierte Supply-Chain-Lösungen in der globalen Luft- und Raumfahrtindustrie haben wir uns bei thyssenkrupp Aerospace bereits lange vor Corona intensiv mit der Reorganisation komplexer Lieferketten beschäftigt. Unser Leitgedanke: Wir wollen, dass sich unsere Kunden voll und ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Für sie dreht sich alles um den Bau von Flugzeugen oder den Bau von Komponenten und Teilen dafür. Wir müssen diejenigen sein, die dafür sorgen, dass sie alles, was sie dafür benötigen, erhalten – unter allen Umständen und so effizient wie möglich. Egal wann, egal wo. Wir sind davon überzeugt, dass digitale Supply-Chain-Lösungen der Schlüssel für die effiziente Sicherheit entlang komplexer Wertschöpfungsketten sind, die heute – mehr denn je – erforderlich ist. Ihre Aufgaben:

  • die intelligente Verwaltung und Steuerung aller Informationen und Warenströme,

  • ein intelligentes Lieferantenmanagement und

  • die Generierung, Verknüpfung und Auswertung von Daten, auf deren Grundlage alternative Szenarien in Betracht gezogen, Risiken bewertet, Situationen im Voraus bewertet und Entscheidungen in Echtzeit getroffen werden können.

Genau hier kommt "Materials as a Service", unsere Strategie für die Zukunft ins Spiel: Wir sind dabei, die Lieferkette neu zu überdenken. Wir entwickeln intelligente Tools wie toii®, unsere IIoT-Plattform, die Maschinen verschiedener Generationen und IT-Systeme standortübergreifend verbindet und miteinander kommunizieren lässt. So können wir mit Hilfe unserer eigenen Lösung für künstliche Intelligenz alfred smarte Handlungsempfehlungen und vorausschauende Managemententscheidungen treffen. All dies für die beste individuelle und maßgeschneiderte Supply-Chain-Lösung.

So dramatisch die aktuelle Krise auch die Luftfahrtindustrie trifft, sie wird zu einer bedeutenden Triebkraft für die dringend notwendige Umstrukturierung der globalen Lieferketten. Und dafür brauchen wir alle jetzt einen echten Schub. Denn, wie Henry Ford einmal sagte, das Fliegen hat seine eigenen Regeln:

"Wenn alles gegen Dich zu laufen scheint, erinnere Dich daran, dass das Flugzeug gegen den Wind abhebt, nicht mit ihm.“

Der Gegenwind ist da, lassen Sie die Flugzeuge und unsere Industrie wieder abheben!