Keine Handbreit zwischen Leben und Tod

Bei einem Ladevorgang in einer Niederlassung von thyssenkrupp Plastics wird ein LKW-Fahrer durch einen Gabelstapler am Fuß verletzt. Zu einem tödlichen Ausgang fehlte nicht viel. Wie konnte es trotz aller Sicherheitsmaßnahmen zu dem Unfall kommen?

Eine neue Folge aus unserer Serie zur Arbeitssicherheit.

September 2019 bei thyssenkrupp Plastics, Standort Weingarten: In der Warenausgangszone herrscht wie meist reger Betrieb. Tag für Tag verlassen drei LKW eines Dienstleisters der oberschwäbischen Niederlassung, die die bestellten Waren zu den Kunden transportieren. Ein Gabelstapler entnimmt die Produkte aus den zwei gegenüberstehenden großen Kragarmregalen im Warenausgangslager und transportiert sie zu den wartenden Fahrzeugen. Die LKW-Fahrer und die Plastics-Kollegen in diesem Bereich kennen sich seit Jahren. Alltagsroutine. An diesem Tag wird die allerdings jäh unterbrochen. Ein Kollege mit seinem Gabelstapler hebt Ware im Regal an, blickt wie gewohnt über die Schulter sowie in den Panoramaspiegel und startete die Rückwärtsfahrt. Plötzlich spürt er ein Ruckeln. Der erfahrene Kollege stoppt sein Gerät sofort und erschrickt: Er ist einem LKW-Fahrer des Dienstleisters über den Fuß gefahren und hat ihn verletzt. Mit angebrochenem Mittelfußknochen wird der Mann ins Krankenhaus eingeliefert, aus dem er zum Glück wenige Tage später wieder entlassen werden kann. Die Sicherheitsschuhe, die er trug, haben ihn vor schwereren Verletzungen bewahrt – und die Tatsache, dass der Staplerfahrer unmittelbar nach der Kollision gestoppt hat. Wäre der Stapler nur 15 cm weitergerollt – also keine Handbreit - wäre der Kollege zwischen dem Stapler und dem Regal eingequetscht worden und hätte deutlich schwerere, vielleicht auch tödliche, Verletzungen davontragen können.

Warnsignale ignoriert

Wie konnte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, die in der Niederlassung in Weingarten für den Betrieb eines Gabelstaplers gelten, zu dem Unfall kommen? Die Mitarbeiter wissen um die permanenten Gefahren, die von einem Gabelstapler ausgehen. Dieser ist bei tk Plastics die gefährlichste Maschine. Die Gefährdungsbeurteilungen werden von Führungskraft und Mitarbeitenden gemeinsam erarbeitet.

Entsprechend war alles, wie es sein sollte: Der Stapler in einem technisch einwandfreien Zustand, die Regale in der Wareausgangszone stehen in sieben Metern Abstand zueinander, der ganze Bereich ist als Verladezone ausgewiesen und bietet somit ausreichend Platz. Der Staplerfahrer hat viele Jahre Erfahrung. Erst kurz zuvor hatte er seine jährliche Sicherheitsunterweisung erhalten. In täglichen „Daily Talks“ diskutiert man immer wieder Gefährdungen, auch die durch Stapler. Auch an einer weltweiten Initiative des Segments Materials Services zur Identifizierung von Risiken speziell durch Stapler hatte sich der Standort aktiv beteiligt.

Das trotz allem ein Restrisiko bleibt, zeigt die Rekonstruktion des Unfallhergangs: Während der Gabelstaplerfahrer Waren aus einem Regal aufnahm, ging der Fahrer des LKWs unbemerkt an dem gegenüberliegenden Regal im rückwärtigen Bereich des Staplers entlang, um sich einen Überblick über die noch zu verladenden Waren zu verschaffen. Unmittelbar hinter dem Gabelstapler ging er in die Hocke, damit er die Kundendaten auf einigen Produktetiketten im untersten Regal lesen konnte. Diese Informationen helfen ihm, den täglichen Tourenverlauf einzuschätzen. Die Warnsignale des rückwärtsfahrenden Gabelstaplers nahm er zwar wahr, jedoch interpretierte er die bekannten Piep-Töne als Zeichen dafür, dass der Beladevorgang wie geplant fortgesetzt wird.

Der Staplerfahrer hatte keine Chance. Er konnte den Verunfallten trotz Schulterblick und Panoramaspiegel nicht sehen, da dieser sich komplett im toten Winkel befand, wie sich durch die Nachstellung des Unfalls herausstellte.

Mit so einem Szenario hatte bisher niemand gerechnet. Generell sollen sich Fußgänger von den Bereichen, in denen Gabelstapler verkehren fernhalten. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, müssen sie grundsätzlich vor Betreten Sichtkontakt mit dem Staplerfahrer aufnehmen. Im konkreten Fall hätte der LKW-Fahrer während des Ladevorganges auf keinen Fall den Bereich betreten dürfen. Sich im Raum direkt hinter dem Gabelstapler aufzuhalten und dort auch noch in die Hocke zu gehen, hat das Unfallrisiko ungemein erhöht. „Es ist jedes Mal schlimm, wenn eine Person verletzt wird und macht einen persönlich betroffen. Es geht aber nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern die Ursachen zu ermitteln und zu analysieren, welche Maßnahmen abgeleitet werden können“, sagt Ralf Helex, Sicherheitsfachkraft für tk Plastics.

Dass immer wieder Unfälle geschehen, weil Menschen sich wider besseren Wissens falsch verhalten, erklären Experten mit sogenannten Verhaltensfallen. In die treten Menschen obwohl sie in Sicherheitsfragen geschult sind und die Gefahren am Arbeitsplatz kennen. Die Folgen davon können gravierend sein. Oft ist dann nach Unfällen zu hören „Ich wollte nur schnell …“, „Dabei passiert doch normalerweise nichts …“ oder „Ich war in Gedanken schon bei der nächsten Lieferung …“. Es wird auf den Zeitdruck hingewiesen oder darauf, dass man noch kurz vor Schichtende eine Arbeit erledigen wollte. Auch bei dem Unfall in Weingarten haben diese Verhaltensfallen eine Rolle gespielt.

„Wir waren natürlich alle sehr erschrocken, als wir von dem Unfall erfuhren“, sagt Niederlassungsleiter Tobias Decker. „Da fragt man sich im ersten Moment schon: Haben wir alles für die Sicherheit Notwendige getan?“ Obwohl der LKW-Fahrers nicht schwer verletzt wurde, hat der Unfall den Gabelstaplerfahrer sehr mitgenommen. „Es hat den Mitarbeiter schon stark belastet, einen Menschen verletzt zu haben“, erzählt Decker. Es habe einige Zeit gedauert, bis der Kollege sich nicht mehr die Schuld daran gegeben hat.

Maßnahmen nach dem Unfall

Neben der Unfallanalyse durch die Fachleute bezog die Geschäftsführung in Weingarten die gesamte Belegschaft mit ein, um die Warenausgangszone noch sicherer zu machen. In einem gemeinsamen Brainstorming wurden folgende Maßnahmen abgeleitet:

  • Der Stapler wurde mit einer Rückfahrkamera und Monitor ausgestattet. Dadurch ist der rückwärtige Raum für den Fahrer komplett einsehbar.

  • Der Bereich der Warenausgabezone ist nun von einem breiten roten Streifen umgeben und mit der Aufforderung „Stopp“ versehen. Fußgänger sind angehalten, die so markierte Gefahrenzone nicht zu betreten.

  • Zusätzlich wird eine Kragarmzeile versetzt, sodass der beengte Warenausgangsbereich deutlich verbreitet wird. Das sorgt für mehr Übersichtlichkeit und größeren Rangier- und Sicherheitsabstand.

Innerhalb von tk Plastics wurden in Folge sämtliche Frontstapler an allen Standorten überprüft. Alle Staplertypen mit totem Winkel wurden ebenfalls mit einer Rückfahrkamera nachgerüstet. Im Kreis der Sicherheitsfachkräfte des Segments Materials Services wurde der Unfall ebenfalls besprochen und führte zu einer Überarbeitung des Anforderungskataloges bei Staplern.

Sie haben Fragen zu diesem Vorfall oder grundsätzlich zur Arbeitssicherheit? Oder möchten Sie von einer eigenen Erfahrung berichten? Schreiben Sie an wecare@thyssenkrupp.com