Ära, wem Ära gebührt

Der 31. Juli ist nach 50 Jahren der letzte Tag, an dem thyssenkrupp Aufzüge und Fahrtreppen, Fahrsteige und Fluggastbrücken herstellt. Mit dem Datum endet eine Ära. Einen Tag später wird die Business Area Elevator Technology nicht mehr zum Konzern gehören, sondern ganz offiziell den neuen Eigentümern, einem Konsortium um die zwei Private Equity Unternehmen Advent International und Cinven. Zeit also zurückzublicken – auf eine Erfolgsgeschichte.

Seit 1952 gehört das Aufzugsgeschäft über Vorgängergesellschaften zu thyssenkrupp. Was seine Wurzeln in einem Hamburger Schlossereibetrieb im 19. Jahrhundert hatte und ab dem 1. August 2020 als Unternehmen auf eigenen Beinen steht, fand am

22. Juni 2017 einen vorläufigen Höhepunkt. Im Elevator-Testturm im schwäbischen Rottweil werden mehr als 200 Gäste Zeugen eines ungeheuerlichen Vorgangs. Auf Knopfdruck des damaligen CEO Andreas Schierenbeck setzt sich in einem der neun Aufzugsschächte eine Kabine in Bewegung: zunächst ein paar Meter nach links, dann verharrt sie für wenige Sekunden, um dann nahezu lautlos nach oben im Schacht zu verschwinden. Jubel bricht aus, die Menschen applaudieren. Sie haben gerade die Jungfernfahrt des ersten seillosen Aufzugs erlebt, der dank der Linearmotortechnologie seine Passagiere vertikal und horizontal transportieren kann. MULTI heißt die Innovation, sie ist ein Meilenstein in der Geschichte der Aufzugstechnik. Der MULTI spart Platz, eignet sich für sehr hohe Gebäude und erlaubt neue architektonische Gestaltungsmöglichkeiten.

Der MULTI symbolisiert vieles, wofür thyssenkrupp Elevator steht: Erfindergeist, Ingenieurskunst und Wachstum.

ERFINDERGEIST

Elevator Technology hat in den vergangenen Jahrzehnten etliche technologische Trends gesetzt und das Business revolutioniert. Zu den Produkthighlights gehört zum Beispiel der TWIN, ein Aufzugsystem, bei dem zwei Kabinen unabhängig voneinander in einem Schacht fahren. Eine intelligente Software steuert den Betrieb, so dass die Passagiere schneller an ihr Ziel kommen. Für den Betreiber lohnt sich der TWIN ebenfalls. Er spart ein Viertel des Platzes im Vergleich zu einer herkömmlichen Anlage bei gleicher Beförderungskapazität. Der Einsatz der Hololens, einem als Brille getarnten Minicomputer, beschleunigt die Wartung und Instandsetzung von Aufzugsanlagen. Elevator Technology ist das erste Unternehmen, das dabei auf Mixed Reality setzt und seine Service-Mitarbeiter mit dem von Microsoft entwickelten Gerät ausstattete. Das cloud-basierte, präventive Wartungssystem MAX reduziert die Ausfallzeiten von Aufzügen, indem es automatisch über den notwendigen Austausch von Teilen oder eine erforderliche Wartung informiert. Und nicht zuletzt bricht der MULTI dank Magnetschwebetechnik und intelligenter Steuerungssoftware mit dem vermeintlich ehernen Gesetz, dass Aufzüge an Seilen hängen müssen und nur in zwei Richtungen fahren – nach oben und unten.

Die Innovationen kommen nicht von ungefähr zustande. thyssenkrupp Elevator investierte langfristig und an vielen Standorten in Forschung und Entwicklung. Mehrere kleinere und drei große Testtürme – außer dem in Rottweil stehen einer in China und einer in den USA – erlauben den Testbetrieb unter realistischen Bedingungen. Dank eines weltumspannenden Netzwerks von Innovations- und Produktentwicklungszentren (PDC) und der Investitionen in den Erfindergeist stößt Elevator immer wieder in neue Bereiche vor. Damit beispielsweise künftig auch Roboter in Gebäuden etagenübergreifend Dienst tun können, haben die Entwickler von Elevator eine Softwareschnittstelle entwickelt, die dem Roboter erlaubt, selbstständig Aufzüge zu benutzen.

INGENIEURSKUNST

Jedes Projekt ist anders, jeder Auftrag bringt andere Herausforderungen mit sich, jedes Produkt muss an die jeweilige konkrete Realität angepasst werden. In einem Satz: Aufzug ist nicht gleich Aufzug, Fahrtreppe nicht gleich Fahrtreppe. Das Können von Ingenieuren und Technikern ist in jedem Einzelfall neu gefragt. Wie sehr es darauf ankommt, zeigen die Leuchtturmprojekte, die Elevator Technology in den zurückliegenden Jahren auf fast allen Erdteilen durchgeführt hat.

  • Fahrtreppen für die U-Bahn in Tiflis, Georgien

  • Eine Pionierleistung liefert das Hamburger Fahrtreppenwerk 2017 für diesen Auftrag ab: Die Fahrtreppen für eine Station in der georgischen Hauptstadt überwinden einen Höhenunterschied von 45 Metern. Sie sind mit 110 Metern die bis dahin längsten Fahrtreppen, die Elevator je gebaut hat, und zugleich die schmalsten. Dadurch können drei statt zwei Fahrtreppen in eine Röhre eingebaut und die Transportkapazität um 50 Prozent gesteigert werden. Erreicht haben das die Ingenieure in Hamburg, indem sie den Antriebsmotor unter die Fahrtreppen installierten. Die clevere Lösung hat Schule gemacht und findet sich inzwischen auch andernorts: In Baku, Aserbaidschan, haben die Hamburger im vergangenen Jahr weitere Fahrtreppen nach diesem Prinzip ausgeliefert.

  • Fluggastbrücken, Fahrtreppen und Fahrsteige für den Flughafen in Rio de Janeiro

  • Vor den Olympischen Spielen in Rio 2016 macht Elevator den größten Flughafen Brasiliens fit für das Mega-Event gemacht. Neben dem Austausch von Fahrtreppen und der Installation des mit 100 Metern bis dahin längsten Fahrsteigs des Landes, rüsten sie den Flughafen mit 26 neuen Fluggastbrücken aus, deren längste sich bis zu 45 Meter herausziehen lässt. Sie alle sind mit einem automatischen Sicherheitssystem ausgestattet, das Kollisionen vermeidet. Dank dieser modernen Fluggastbrücken können mehr und größere Flugzeuge den Flughafen in Rio ansteuern.

  • TWIN-Aufzüge für ein Highrise-Gebäude in London

  • Innovation in die Wirklichkeit übersetzt: Für den fast 200 Meter hohen Wolkenkratzer „The Scalpel“ im Londoner Finanzdistrikt liefert Elevator Technology die Aufzüge geliefert, darunter 11 TWIN-Anlagen. Die platzsparende Lösung ermöglicht es dem Bauherrn, etwa 30 Prozent mehr Bürofläche zu vermarkten. Für die Mieter bringt das effiziente TWIN-System eine deutliche Zeitersparnis durch geringere Warte- und Transportzeiten.

WACHSTUM

thyssenkrupp hat die Aufzugssparte von Beginn an als Business mit großem Wachstumspotenzial betrachtet. Die Anfänge sind allerdings überschaubar. In den 50er Jahren kauft der Rheinstahl-Konzern eine Aufzugsfirma in Hamburg, Anfang der 70er Jahre eine weitere in Stuttgart. Durch die Übernahme von Rheinstahl durch Thyssen 1974 und die anschließende Fusion der Thyssen Stahl AG mit der Krupp Stahl AG 1999 wird die Aufzugssparte schließlich Bestandteil des neuen Industriekonzerns thyssenkrupp. Zu dem Zeitpunkt spielt das Unternehmen schon eine große Rolle im Aufzug- und Fahrtreppenbau. Bedeutend für die Expansion ist vor allem die Übernahmen M.A.N.-Aufzugbau im Jahr 1984. Von da an ging es Schlag auf Schlag, hier nur ein paar Meilensteine:

1986 Beteiligung an einer Aufzugsfirma in Toronto, Kanada

1987 Übernahme eines niederländischen Herstellers für Treppenlifte

1991 Errichtung eines Werkes für Fahrtreppen in Spanien

1995 Gründung von Elevator China, Errichtung eines Werks in Zhongshan

1998 Kauf der in den USA und Kanada ansässigen Firma Dover Elevators

1998 thyssenkrupp Elevator wird drittgrößter Aufzugshersteller der Welt

2001 Übernahme der Geschäfte von Mitbewerber KONE in Südamerika

2003 Gründung eines Joint Ventures in Südkorea

2006 Weiterer Fertigungsstandort in China

2019 Zukauf zweier weiterer Aufzugsunternehmen in den USA

thyssenkrupp Elevator ist heute in mehr als hundert Ländern aktiv. Mehr als 1.000 Service- und Vertriebsstandorte zeigen die Kundennähe des Unternehmens. Über 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen zum Erfolg der Aufzugssparte bei. Aus dem Aufzugsunternehmen ist ein globaler Anbieter von Mobilitätslösungen geworden, die über ein schlichtes Herauf oder Hinunter hinausgehen. Software, Künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge gewinnen in der Branche an Bedeutung, Elevator Technology ist bei der Entwicklung vorne mit dabei.

Vom 1. August an wird das Unternehmen nun auf eigenen Beinen stehen, mit starken Eigentümern im Hintergrund. In einem Brief an die Elevator-Belegschaft schreibt der Vorstand um CEO Martina Merz dazu: „Wir sind stolz auf die gemeinsame, erfolgreiche Zeit, die hinter uns liegt.“ Sie und ihre Vorstandskollegen seien aber der festen Überzeugung, dass die neuen Eigentümer das Unternehmen weiter auf Wachstumskurs führen. „Wir möchten uns bei Ihnen auf diesem Weg für Ihr langjähriges Engagement und Ihren außerordentlichen Einsatz für thyssenkrupp bedanken“, heißt es in dem Brief weiter. Und wer weiß, vielleicht beginnt ja auf diesem Wege eine neue Ära für Elevator Technology.