Revolution im Untergrund

In Hamburg sind thyssenkrupps bisher längste und schmalste Fahrtreppen entstanden. Zum Einsatz kommen sie in der Tifliser U-Bahn.

14.000 Kilo wiegt das schwerste Treppensegment. 17 von ihnen werden zu einer Fahrtreppe montiert. Die Treppen sind schmaler als gewöhnlich, um drei von ihnen in die Röhre bauen zu können. Dadurch gelangen mehr Menschen gleichzeitig zum Gleis oder vom Gleis an die Oberfläche.

Eine stahlnüchterne Fabrikhalle im Hamburger Industriegebiet Billbrook: graue Böden, lichte Höhen, viel Stahl und Männer mit Schutzhelmen. Es ist ein besonderer Schauplatz. Die Männer mit den Helmen haben gerade einen konzernweiten Rekord aufgestellt. Sie haben die längsten Fahrtreppen gebaut, die bei thyssenkrupp je entstanden sind. Und zugleich die höchsten. Und die schmalsten. Drei Rekorde auf einmal – das gibt es nicht mal in der Werbung.

Projektleiter Ronny Ischganeit

Die Fakten: Die neuen Fahrtreppen überwinden einen Höhenunterschied von 45,37 Metern, das entspricht in etwa der Größe eines 15-stöckigen Hochhauses. Bei einem Neigungswinkel von 30 Grad beträgt die Entfernung von der ersten bis zur letzten der 494 Stufen insgesamt rund 110 Meter. Zum Vergleich: Fahrtreppen in deutschen Kaufhäusern zum Beispiel schaffen üblicherweise einen Höhenunterschied von vier bis sechs Metern. Ihre Länge: etwa 10 bis 15 Meter. Zugleich sind die Anlagen schmaler als bisherige Modelle, ohne dass Passagiere auf Platz und Komfort verzichten müssen.

Die Kunst der Konstruktion: Die Anforderungen an die Fahrtreppen für die Metro in Tiflis waren hoch. Projektleiter Ronny Ischganeit hielt die Fäden in der Hand, unterstützt vom Entwicklungsteam um Kristina Jänisch, Flemming Bergmann, Jens Böge, Nils-Patrick Noeske und Mathias Steinke (unten, von links).

Wo kommen so schlanke Stahl-Kolosse zum Einsatz? Die Antwort: Weit weg von Deutschland, wo die Böden sumpfig sind und man deshalb tief in die Erde graben muss, um ein stabiles Fundament zu finden. So ist der Untergrund in großen Teilen Russlands und seiner angrenzenden Staaten. In diesem Fall ging die Reise zu einer U-Bahn-Station in der georgischen Hauptstadt Tiflis, die dort gerade im Westen des Zentrums errichtet wird.

Montage für den Probelauf: Damit der störungsfreie Betrieb der Fahrtreppen gewährleistet ist, wurde die Funktionsfähigkeit getestet, bevor die Teilstücke an den U-Bahn-Betreiber in Tiflis herausgingen.

Rückblick: Im September 2014 starten Projektleiter Ronny Ischganeit und sein Team die erste Phase. Die Anforderungen des Auftraggebers sind ebenso streng wie anspruchsvoll. Die größte Herausforderung ist gar nicht so sehr das immense Ausmaß der Anlagen. Vielmehr verlangt der Kunde, dass in die bereits errichtete Röhre im Bahnhof drei Fahrtreppen eingebaut werden. Gewöhnliche Treppen sind dafür aber zu breit. Abspecken ist also angesagt.

Ein hartes Stück Arbeit: Im Fahrtreppenwerk in Hamburg bereiteten Endmontagemeister Thorsten Eckhardt und sein Team die insgesamt 51 Segmente der drei Fahrtreppen zunächst sorgfältig für den Versand vor. Gut und sicher verpackt, wurden sie anschließend auf Lastwagen verladen und über Land an den Kunden in Tiflis geliefert.

Mit der Vorgabe reagiert die Tifliser Verkehrsgesellschaft auf die steigende Anzahl der Passagiere in den Zügen der zwei städtischen Metrolinien, eine Entwicklung, wie sie in etlichen osteuropäischen Großstädten zu beobachten ist. In Moskau etwa fahren U-Bahnen schon im 90-Sekunden-Takt, halten aber teilweise gar nicht mehr in den Stationen, weil keine Passagiere mehr über die Fahrtreppen von den Gleisen abtransportiert werden können.

Den Antrieb befreit

Wie aber macht man Fahrtreppen schmaler? Die Stufen jedenfalls müssen eine gesetzlich vorgegebene Breite aufweisen, daran ist nicht zu rütteln. Das Rätsel lösen Ischganeit und seine Mannschaft gleich zu Beginn. Der Antrieb – Motor und Getriebe – wird nicht wie sonst üblich im Träger der Treppe eingebaut, sondern etwas tiefergelegt mittig vor der Anlage. Eingesparte Breite: 250 Millimeter. „Mit unserer Lösung können wir die Kapazität der Fahrtreppen in der Röhre um 50 Prozent steigern“, sagt der Vertriebsverantwortliche Flemming Bergmann. Es ist geplant, acht baugleiche Modelle noch in diesem Jahr für die U-Bahn in Baku, Aserbaidschan, zu errichten – ein schöner Erfolg für das Hamburger Team. Zwei Jahre nur hat es für Entwicklung und Bau gebraucht – eine Meisterleistung.

In Tiflis überwachte Mike Schmidt (l.) den reibungslosen Einbau der tonnenschweren Teile.

An einem herbstgoldenen Tag im September 2016 stehen nun schließlich die einzelnen Segmente der drei Fahrtreppen verpackt in der Werkhalle in Hamburg. Ein Exemplar ist noch aufgebaut. Auf Knopfdruck surren zwei 66 Kilowatt starke Motoren los, deren Kraft ausreicht, um 336 Menschen zu befördern. Die zwei Antriebsketten haben eine Zuglast von je 85 Tonnen, damit könnten sie 113 VW Golf ziehen. Kaum zu spüren ist: Die Fahrtreppe läuft schneller als eine in Deutschland betriebene. In Russland und den GUS-Staaten ist ein Tempo von 0,75 Metern pro Sekunde Standard, in Deutschland sind es 0,5 Meter.

„Mit unserer Lösung können wir die Kapazität der Fahrtreppen um 50 Prozent steigern.“

FLEMMING BERGMANN, Vertriebsverantwortlicher

Fast zweieinhalb Minuten unterwegs

Trotzdem wird der Passagier in Tiflis angesichts der Ausmaße der Fahrtreppen länger unterwegs sein als beispielsweise jemand, der in Deutschland mit einer handelsüblichen Fahrtreppe zu einem Bahnsteig gelangt: Fast zweieinhalb Minuten dauert die Fahrt, bis der Bahnsteig erreicht ist. Von oben sieht man das Ende der Fahrtreppen in der U-Bahn-Station gar nicht, so tief geht es in die Erde.

Dort arbeiteten bis in den Januar hinein 14 Monteure unter Leitung des Hamburgers Mike Schmidt, um die Segmente zu drei Fahrtreppen zusammenzubauen. Ein Job unter besonderen Bedingungen. Die bis zu 14 Tonnen schweren Segmente wurden durch einen Schacht in die Röhre gehievt und anschließend montiert.

Wann die neue Station im Westen von Tiflis für den Betrieb freigegeben wird, steht noch nicht fest. Klar ist indes: Die Passagiere werden dann auf den modernsten Fahrtreppen in den Untergrund reisen, die es in Georgien gibt.