Wir haben uns auf einen schwierigen Weg gemacht – aber mit erkennbaren Fortschritten.

Brief des Vorstands zur aktuellen Situation an alle Mitarbeitenden

Liebe Mitarbeitende,

in den letzten Monaten ist viel in unserem Unternehmen passiert. Im Mai haben wir Ihnen das Strategie-Update vorgestellt, damit haben wir vor allem das Portfolio klar strukturiert. Der Stahl hat bereits seit Ende März eine neue Strategie, ergänzend verfolgen wir unverändert mögliche Konsolidierungsoptionen und führen Gespräche zur schnellen Ermöglichung der „grünen Transformation“. Etliche Restrukturierungen sind angestoßen und nicht zuletzt steht die Veräußerung des Aufzuggeschäfts kurz vor dem Abschluss. Wir haben uns auf einen schwierigen Weg gemacht – aber mit erkennbaren Fortschritten. Das ist auch auf eine gute Teamleistung zurückzuführen, an der alle Seiten ihren Anteil haben.

Allerdings sind wir nach wie vor mit erheblichen Auswirkungen der Corona-Krise konfrontiert. Etwa 32.000 Kolleginnen und Kollegen sind weltweit in Kurzarbeit, 22.000 arbeiten im Home-Office.

Zwar werden zahlreiche Produktionsstandorte inzwischen wieder hochgefahren: Aber der Betrieb läuft längst noch nicht so wie vor der Krise. Weite Teile unseres Geschäfts werden durch die anhaltende Zurückhaltung unserer Kunden und die ausbleibende Nachfrage in den Märkten bestimmt. Die Quartalsergebnisse werden das sehr deutlich zeigen. Wir müssen damit rechnen, dass allein im dritten Geschäfts-Quartal ein Verlust von bis zu einer Milliarde Euro anfällt (ggfs.: hoher 3-stelliger Millionenbetrag). Eine schnelle Erholung unserer Kundenindustrien ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Das gilt insbesondere für die Automobilbranche.

Klar ist aber: Mit den in diesem Geschäftsjahr bereits aufgelaufenen Verlusten wird unser Spielraum zur Gestaltung der Zukunft deutlich geringer als noch vor der Krise angenommen – trotz des Verkaufserlöses aus der Elevator-Transaktion.

Liebe Mitarbeitende,

unsere aktuellen Herausforderungen im Umgang mit der Pandemie sind Teil einer gesamtgesellschaftlichen Krisensituation. Wir alle sind täglich nicht nur bei der Arbeit damit konfrontiert. Die neue Realität verändert das Miteinander ganz erheblich. Wir erleben den Vorrang des Gesundheitsschutzes und einer medizinischen Logik über alle anderen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Mit der damit verbundenen Verschiebung von Prioritäten müssen wir umgehen.

Auch bezüglich der wirtschaftlichen Auswirkungen prüfen wir selbstverständlich, ob und gegebenenfalls welche der pandemiebedingten Finanzierungshilfen oder anderen staatlichen Instrumente der Krisenintervention für uns in Betracht kommen können. Das Gleiche tun auch die Management-Teams außerhalb von Deutschland, denn auch andere Regierungen bieten Unternehmen Hilfsmaßnahmen an. Die gründliche Prüfung dieser Angebote gehört für uns zur Sorgfaltspflicht.

Es geht aber außerdem auch darum, diese Krise so zu bewältigen, dass die Auswirkungen erträglich bleiben und eine neue Normalität unser Miteinander nicht dauerhaft beeinträchtigt. Das ist eine gewaltige wirtschafts- und sozialpolitische Herausforderung.

Unternehmerisch wird die langfristige Planungsperspektive zunehmend ersetzt durch die Fähigkeit, schnell, zielgerichtet und flexibel auf neue Umstände zu reagieren. Solche Umstände können politische Maßnahmen und Einschränkungen, wie Lock-downs sein oder das daraus folgende veränderte Kundenverhalten. In jedem Fall wird es aus heutiger Sicht nicht mehr ausreichen, unsere Gegenmaßnahmen auf kurzfristige Liquiditätssicherung zu beschränken. Das ist notwendiges „fire fighting“ in der akuten Krisensituation. Ergänzend müssen wir uns vielmehr darauf einstellen, dass sich unsere Geschäftsaktivitäten auf einem Niveau einpendeln, welches zum Teil dauerhaft und nicht unerheblich unter unseren früheren Mengen-Planungen liegt. Daher müssen wir uns schon heute mit langfristig wirksamen Gegenmaßnahmen befassen. Das tun wir bereits gemeinsam mit den Management-Teams der Geschäfte. Voraussichtlich werden wir nicht vor dem Ende des Jahres klarer sehen, mit welchen Szenarien für unsere Geschäftsentwicklung wir tatsächlich rechnen müssen. Erst dann werden wir konkreter wissen, ob oder wie schnell sich Umsatzzahlen wieder normalisieren oder auf welchem Niveau sie sich künftig bewegen werden.

Was heißt das? Die verheerenden Auswirkungen der Pandemie haben uns hinter den Startpunkt des Veränderungsprozesses zurückgeworfen. Über den Verkaufserlös des Aufzuggeschäfts werden wir uns nur kurz freuen können. Wenn wir die Verschuldung zurückführen – und das müssen wir – dann wird weniger für Investitionen und Zukunftsgestaltung übrigbleiben. Daher müssen wir kreativ werden und die Krise als Veränderungstreiber positiv nutzen. Denn wir werden schnell in der Lage sein müssen, das Unternehmen aus eigener Kraft zu refinanzieren. Um das zu schaffen, müssen wir belastbar aufzeigen, welches Potenzial in uns steckt und dass wir nennenswerte Erträge erwirtschaften können.

Deshalb müssen wir bereits bei der Bilanzpressekonferenz im November und bei der Hauptversammlung im Februar 2021 sichtbare Schritte bei der Verbesserung unserer Profitabilität zeigen können. Schon in naher Zukunft brauchen wir daher echte Umsetzungserfolge. Der Kapitalmarkt erwartet ein klares Bild von uns, wo wir stehen und wie wir unseren Weg weiter fortsetzen. Wir werden zeigen müssen, welche Werthebel wir wie anpacken. Wir werden zeigen müssen, wie wir neue Prozesse zur Steigerung der Leistungsfähigkeit etablieren. Außerdem werden wir mit neuen Restrukturierungsdetails beweisen müssen, dass wir konsequent unsere Hausaufgaben machen.

Liebe Mitarbeitende,

uns ist wichtig, Ihnen die Lage des Unternehmens klar, offen und transparent zu schildern. Bitte nehmen Sie deshalb folgende Botschaften mit:

Erstens: Bei allen derzeitigen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten sind wir überzeugt davon, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es ist ein schmerzvoller Weg, aber wir gehen ihn engagiert und mit Zuversicht. Deshalb wird es uns auch gelingen, thyssenkrupp wieder erfolgreich zu machen. Wir haben eingangs auf die bereits gemachten Fortschritte hingewiesen. Weitere werden folgen.

Zweitens: Alle Schritte prüfen wir mit großer Sorgfalt. Wir haben auch weiterhin den Anspruch, erforderliche Anpassungen und Veränderungen auf verantwortungsvolle Weise umzusetzen – gemeinsam mit der Mitbestimmung. Das entspricht unseren Werten bei thyssenkrupp, und diesen Werten fühlen wir uns auch weiterhin verpflichtet. Diese Krise wird uns Außergewöhnliches abverlangen. Wir werden dennoch alles dafür tun, unserem Anspruch weiterhin gerecht zu werden.

Drittens: Bitte packen Sie auch weiterhin an und bleiben Sie engagiert! Dieses Investment in die Zukunft von uns allen lohnt sich.

Für viele von Ihnen stehen die Sommerferien und damit der verdiente Urlaub an. Nutzen Sie diese Zeit für die Erholung – egal, ob Sie verreisen oder zuhause bleiben. Bitte gehen Sie keine unnötigen Risiken ein. Halten Sie sich an Schutz- bzw. Hygienemaßnahmen sowie die offizielen Reisewarnungen. Aber vor allem: Bleiben Sie gesund.

Mit freundlichen Grüßen

Martina Merz   -    Oliver Burkhard    -   Klaus Keysberg