Zukunft Wasserstoff? Interview mit Klaus Keysberg

Green hydrogen is considered the energy carrier of the future and Germany wants to play a leading role in this. Within the framework of the National Hydrogen Strategy, the German government plans to support the industry with around nine billion euros in the transformation to a hydrogen economy. thyssenkrupp will profit, says board member Dr. Klaus Keysberg.

Herr Dr. Keysberg, warum ist die nationale Wasserstoffstrategie so wichtig für thyssenkrupp?

Einerseits, weil wir künftig große Mengen bezahlbaren Wasserstoffs brauchen, beispielsweise für eine klimaneutrale Stahlproduktion. Andererseits sind wir heute im Anlagenbau Anbieter von Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff, so genannten Wasserelektrolysen. Dazu haben wir weitere Technologien zur Produktion von grünen Chemikalien im Portfolio. Beispiele sind Ammoniak oder Methanol. Wir tragen erheblich zum Aufbau der entsprechenden Infrastruktur bei. Zusätzliche Impulse und Fördermittel für eine grüne Wasserstoffwirtschaft sind also gut für uns.

Der Konzern plant, die Stahlproduktion komplett auf Wasserstoff umzustellen. 2050 soll das abgeschlossen sein. Wie kommen wir da voran?

Wir stellen die Stahlproduktion auf ganz neue Füße. Es geht um die Ablösung der Hochofenroute durch die Wasserstoffroute. Die ersten Schritte bei dieser großen Aufgabe machen Mut: Schon im vergangenen Jahr haben wir erfolgreich Wasserstoff im laufenden Hochofenbetrieb eingesetzt. Außerdem konnten wir uns vor Kurzem mit dem Energieerzeuger RWE darauf verständigen, gemeinsam auf eine längerfristige Partnerschaft zur Belieferung mit Wasserstoff hinzuarbeiten, den wir künftig in großen Mengen brauchen werden.

Und RWE plant den Bau von Elektrolysekapazitäten, mit denen grüner Wasserstoff für die Roheisenerzeugung bei thyssenkrupp bereitgestellt werden kann. Auf diese Weise könnten zunächst etwa 70 Prozent des Bedarfs eines Hochofens gedeckt werden. Bis 2022 soll der erste, dafür vorgesehene Hochofen umgestellt sein.

Das klingt nach einem historischen Wandel in der Stahlerzeugung. Es klingt allerdings auch ziemlich teuer: thyssenkrupp veranschlagt rund zehn Milliarden Euro Investitionen für eine komplett klimaneutrale Stahlproduktion. Wie wird sich das rechnen?

Generell gilt, dass thyssenkrupp bis 2050 klimaneutral produzieren will, im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens von 2015. Das geht nicht ohne eine Umstellung der Stahlproduktion von der Hochofenproduktion auf die so genannte Direktreduktion mit Wasserstoff. Das gilt im Übrigen nicht nur für unser Unternehmen allein: Der „Green Deal“ Europas ist ebenfalls ohne klimaneutralen Stahl nicht machbar. Entscheidend ist: Grüner Wasserstoff kann nirgends mit einem vergleichbaren Klimaschutzeffekt eingesetzt werden wie im Stahl: Durch den Einsatz von einer Tonne Wasserstoff können 25 Tonnen CO2 vermieden werden.

Das heißt: Investitionen in die Stahlindustrie sind ein Riesenhebel. Jeder Euro, der in die Umstellung der Stahlproduktion fließt, ist wirkungsvoll eingesetztes Geld für Umwelt und Klimaschutz. Aber: Grüner Stahl wird teurer sein als der Stahl, den wir heute produzieren. Deshalb braucht es geeignete Instrumente, um den Preis abzusichern – einerseits grüne Leitmärkte, andererseits und kurzfristig so genannte Contracts for Difference, die Käufer und Verkäufer absichern.

Und: Allein wird kein Unternehmen diesen Technologiewechsel stemmen können. So hilfreich die Nationale Wasserstoffstrategie auch ist – unsere Branche wird für die Wasserstoffumrüstung weitere, direkte Beihilfen benötigen. Wir sind hierzu im Dialog mit der Politik. Die Gespräche verlaufen sehr konstruktiv und vielversprechend.

thyssenkrupp hat erst vor Kurzem seine Fertigungskapazitäten für Wasserelektrolysen deutlich erweitert. Sehen Sie einen lukrativen Markt für diese Technologie?

Wir können jetzt jährlich Elektrolyseanlagen mit einer Kapazität von einem Gigawatt bauen. Das ist etwa so viel wie die Leistung aller in der Ostsee arbeitenden Windparks. Und wir werden unsere Kapazitäten darüber hinaus noch erweitern. Grüner Wasserstoff gilt als Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende, weil sich damit Energie aus erneuerbaren Quellen speichern und transportieren lässt. Grüner Wasserstoff wird eine zentrale Rolle für die Treibhausgasneutralität aller energieverbrauchenden Sektoren spielen, insbesondere bei Verkehr und Industrie. Forschungsinstitute wie Fraunhofer gehen von einem Bedarf von 50 bis 80 Gigawatt für das Jahr 2050 aus – allein für Deutschland. Grüner Wasserstoff ist ganz klar ein Zukunftsmarkt.

Auf Zukunftsmärkte zielt auch das Projekt Carbon2Chem von thyssenkrupp. Wo stehen wir bei Carbon2Chem?

Carbon2Chem wird von der Bundesregierung mit 60 Millionen Euro gefördert. Das allein unterstreicht schon die Bedeutung des Projekts in der nationalen Industrie- und Klimapolitik. Hier entwickelt der Konzern eine Technologie zur Umwandlung von Industrieemissionen in wertvolle Chemikalien – einschließlich des enthaltenen Kohlendioxids. Wasserstoff spielt auch dabei eine wichtige Rolle, denn man braucht ihn um das CO2 zu neutralisieren.

Derzeit entwickeln wir die Technologie in einem Technikum direkt am Duisburger Stahlwerk zur industriellen Reife. Die Produktion von Ammoniak und Methanol aus Hüttengasen ist schon gelungen. Der grüne Wasserstoff dafür wird übrigens von einer thyssenkrupp Anlage produziert. Carbon2Chem eignet sich aber nicht nur für die Stahlproduktion, sondern beispielsweise auch für Chemie- oder Müllverbrennungsanlagen. Für Carbon2Chem sehen wir weltweit großes Interesse. In wenigen Jahren wird die Technologie industriell einsetzbar sein.

Das Projekt Carbon2Chem zielt auf die Umwandlung Stahlwerksemissionen in wertvolle Chemikalien. In der Gasreinigung werden die Emissionen gereinigt und aufbereitet.