Die Magie des Theaters

In seiner Freizeit leitet Adem Köstereli ein Theaterprojekt für Flüchtlinge und Asylbewerber in Mülheim an der Ruhr. Auf der Bühne eröffnet er traumatisierten Menschen einen Raum der Freiheit.

Dreimal in der Woche eilt Adem Köstereli nach der Arbeit von Düsseldorf nach Mülheim zum Theater. Wenn der studierte Betriebswirt am Theater an der Ruhr in die Rolle des Regisseurs schlüpft, lässt er die Zahlen seines Tagesgeschäfts weit hinter sich. Statt Kunststoff-Bedarfe strategisch zu steuern, probt der Cluster Manager bei ThyssenKrupp Plastics (BA Materials Services) an diesen Abenden mit Menschen aus Ägypten, Afghanistan und aus anderen Ländern auf der Theaterbühne. Seine Schauspieler – acht bis zehn pro Gruppe – sind alle Flüchtlinge und Asylbewerber. „Menschen in einer Warteposition“, wie Köstereli sagt. Mit viel Zeit, einer ungewissen Zukunft und sozial isoliert. „Auf der Bühne lernen sie, den Stillstand zu überwinden, sich spielerisch von ihren traumatischen Erfahrungen und psychischen Belastungen zu distanzieren.“

Für seine Theaterprojekte engagiert sich Adem Köstereli ehrenamtlich. Schon mit 14 Jahren hat er an der Schule seine Freude am Spielen entdeckt. Ein Pädagoge vom Jungen Theater an der Ruhr holte ihn dann auf die Bühne des renommierten Hauses. Dort hat er alles gelernt: Rollenarbeit, Körpersprache, Atem- und Sprechtechniken, aber auch kreatives Denken und die individuelle Kommunikationsfähigkeit. „Ich hatte früh die Idee für meine eigene, soziokulturell geprägte Theaterform“, erzählt Köstereli. Seit Jahren fährt er immer wieder in die Asylunterkünfte, um Menschen jeden Alters fürs Spielen zu gewinnen. „Das kostet viel Zeit und Kraft, aber es lohnt sich.“ Denn wenn er Menschen am Rande der Gesellschaft das Theaterspielen ermöglicht, bietet er ihnen zugleich die Chance, sich selbst spielerisch neu in der Gesellschaft zu verorten. Inzwischen finden er und seine Projekte öffentliche Anerkennung. Seit August entwickelt der 28-Jährige im Beirat des Sozialdezernats der Stadt Mülheim mit Vertretern der Wirtschaft, Hochschule und Politik das erste kommunale Integrationskonzept.

Auf seinem Sofa spricht Adem Köstereli über seine Theaterarbeit. Hier denkt er über seine Ideen und Konzepte nach.

Adem Köstereli bespricht mit seinen Schauspielerinnen die letzte Improvisationsübung. Im Büro jongliert er Zahlen.

„Keiner der Flüchtlinge muss auf der Bühne seine Geschichte erzählen.“

ADEM KÖSTERELI, Cluster Manager bei ThyssenKrupp Plastics

Die Stücke erarbeitet die Gruppe gemeinsam über geduldige Improvisationen. Acht Monate dauern die Proben. „Dabei verfolgen wir keinen dokumentarischen Ansatz“, sagt Köstereli. „Keiner muss seine persönliche Geschichte erzählen und sich auf der Bühne als Flüchtling reproduzieren. Und kein Schicksal wird politisch instrumentalisiert.“ Das unterscheidet seine Theaterarbeit von anderen Sozialprojekten. Stattdessen geht es um individuelle Themen, die jeder Mensch kennt: Wünsche und Ängste, Träume und Phantasien. Und um die Ästhetik. „Die Inszenierungen haben einen hohen künstlerischen Anspruch. Über Bilder und Körpersprache entstehen surreale Welten, die der Zuschauer gemeinsam mit uns bereisen kann.“

Unterstützt wird diese Wirkung durch die Orte, an denen die Aufführungen stattfinden. Köstereli wählt leer stehende Räume mit einer Geschichte, die inhaltlich zum Thema passt. Zum Beispiel das ehemalige Frauengefängnis in Mülheim, das auch für die Abschiebehaft genutzt wurde. „Wir lassen diese Orte an sieben Abenden lebendig werden“, sagt er. Inzwischen sind er und sein Projekt auch überregional bekannt. „Die Zuschauer kennen uns und wissen: Von uns haben sie keine leicht zu konsumierenden Asylgeschichten zu erwarten.“

Sie kommen trotzdem. Zur Freude der Schauspieler, für die der Applaus vor allem eines bedeutet: Sie werden wahrgenommen, die viele – körperlich und seelisch oft harte – Arbeit hat sich gelohnt. „Sie erleben die Magie des Theaters. Die totale Freiheit, sich eine eigene Realität schaffen zu können.“