CEO Martina Merz im Audio-Interview

„Ich bin ziemlich sicher, dass wir dieses Schiff drehen können“

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Journalistin: Herzlich Willkommen zum Audiogramm von thyssenkrupp. Sie hören die erste Ausgabe. Mein Name ist Felicia Mutterer. Ich bin Journalistin und werde Sie in den kommenden Folgen durch dieses Audiogramm führen. Warum denn eigentlich ein Audio? Das werden Sie sich womöglich fragen. Diese Frage gebe ich direkt an meinen ersten Gast weiter. Das ist Martina Merz, die Vorstandchefin von thyssenkrupp. Guten Tag, Frau Merz.

Martina Merz: Hallo Frau Mutterer.

Journalistin: Sie haben sich entschieden, Sie und der Vorstand, ein Audiogramm zu machen, also über Audio auch mit den Mitarbeitenden und den Aktionären zu kommunizieren. Warum glauben Sie, dass das eine gute Idee ist?

Martina Merz: Grundsätzlich bin ich der Meinung, Kommunikation und besonders der Dialog sind immer eine gute Idee. Insbesondere natürlich in einem Unternehmen, in dem sich so schnell so viel verändert, entsteht einfach ein großer Informationsbedarf. Den sollten alle unterstützen, um einen hohen Informationsbedarf zu bedienen. Und ich freue mich über die Einladung und den Termin heute.

Journalistin: Wir freuen uns sehr, dass Sie überhaupt Zeit haben, weil Sie den dicken Terminkalender haben. Wir haben uns sehr gerne nach Ihnen gerichtet. Vor 12 Monaten, wenn ich Ihnen da gesagt hätte, wir sitzen jetzt zusammen, Sie sind die Vorstandsvorsitzende von thyssenkrupp, was hätten Sie da zu mir gesagt?

Martina Merz: Also offen gesagt - wahrscheinlich hätte ich gelacht, weil ich zum damaligen Zeitpunkt als Aufsichtsratsvorsitzende gewählt wurde. Meine Überlegung zum damaligen Zeitpunkt war, dass ich mich wie alle anderen im Unternehmen jetzt nach der Teilung in einem geteilten thyssenkrupp befinde, und ich für mich hab angenommen, dass ich bei Industrials wäre.

Journalistin: Wie kam‘s dann anders?

Martina Merz: Es kam anders, weil sich durch die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Lage des Konzerns verschlechtert hat und dann die Teilung nicht mehr möglich war, und da kam noch das Scheitern des Joint Ventures mit Tata Steel dazu, was im Mai dazu geführt hat, dass das Unternehmen eine neue Strategie, nämlich new tk, entwickelt und auch mitgeteilt hat. Und deshalb bin ich wie alle eine Mitarbeitende der thyssenkrupp AG.

Journalistin: Um auf diesen Posten zu kommen, hebt man da die Hand? Und wie wird man da ausgewählt?

Martina Merz: Man wird tatsächlich ausgewählt vom Aufsichtsrat, in dem ich zu dem Zeitpunkt selber noch Mitglied war, aber tatsächlich war ich nicht Teil dieses Prozesses. Als ich gefragt wurde, habe ich dann nach relativ kurzer Zeit entschieden Ja zu sagen und bin seit dem 1.10.2019 Vorstandvorsitzende der thyssenkrupp AG. Aber Sie haben Recht, das war nicht mein Plan Anfang letzten Jahres und auch nicht im Sommer. Das war auch sehr überraschend für mich selbst. Jetzt bin ich aber gut angekommen, fühle mich wirklich wohl, bin stolz auf die Rolle, auf das Unternehmen, auf die Mitarbeitenden bei thyssenkrupp. Ich habe das Unternehmen lange gekannt, bevor ich jetzt in der Rolle bin. Tatsächlich habe ich thyssenkrupp als 25-jährige junge Frau kennengelernt und ich freue mich, jetzt hier zu sein.

Journalistin: In welcher Funktion damals?

Martina Merz: Ich habe Maschinenbau, Schwerpunkt Fertigungstechnik studiert und war im Bereich Produktionstechnik und Planung verantwortlich. Ich habe dann den Teil von thyssenkrupp, der Anlagen gebaut hat, kennengelernt. Und kurze Zeit später hatte ich die Verantwortung für die Business Unit Robotics und Handling Systems übernommen. Aber seit damals habe ich thyssenkrupp tatsächlich immer sehr wert geschätzt.

Journalistin: Und war das schon Ihr Antrieb? Also wenn man sich entscheiden muss, ob man in so eine Rolle geht, wo man auch so viel Verantwortungen trägt gemeinsam mit einem Team. Sind Sie besonders mutig? Das habe ich zumindest über sie gehört.

Martina Merz: Menschen, die mich länger kennen, die würden wahrscheinlich sagen, dass ich mutig bin. Aber ich glaube nicht, dass es eine mutige Entscheidung war, das würde ich nicht sagen. Ich habe auch in der Zeit als Aufsichtsratsvorsitzende das Unternehmen schon kennenglernt. Und man braucht nur das zu sehen, was thyssenkrupp leistet, dann hat man das eine Bild, nämlich was an Produkten, Erzeugnissen im Markt zu sehen ist. Auf der anderen Seite steht natürlich die Profitabilität eines Unternehmens, aber es ist immer beides. Es ist nur die eine Seite, die sehr kritisch ist, die andere Seite ist gut. Insofern ergibt sich dann ein gemischtes Bild. Deshalb war es auch kein Mut. Mutig ist, irgendwo hin zu gehen, wo beides schlecht ist. Bei uns sind aber nur die Zahlen nicht besonders gut. Wenn es einem Unternehmen nicht wirklich gut geht, könnte man gleichzeitig sagen, das Unternehmen hat großes Entwicklungspotential. Also das macht natürlich die Rolle tatsächlich interessant und spannend. Ich glaube auch, dass es Führungspersönlichkeiten braucht, denen die Situation keine Angst macht, sondern im Gegenteil die eher eine Sicherheit im Umfeld wahrnehmen, dass das gelingen kann. Und ich habe schon das Gefühl, dass es gelingen kann. Insofern würde ich nicht sagen das ist mutig und ich muss zugeben, es macht auch Spaß, weil man die kleinen Schritte sieht, die man macht. Und ich habe jetzt natürlich in den ersten 100 Tagen vieles kennengelernt und ich habe den Eindruck, dass es eher eine Mittelstrecke ist als eine Kurzstrecke, aber möglich. Ich bin schon ziemlich sicher, dass wir dieses Schiff drehen können und auch mehr Wasser unter den Kiel kriegen.

Journalistin: Was man sich natürlich fragt, wenn man gerade überhaupt nicht aus einer Konzernwelt kommt, wie sieht der Arbeitstag von Ihnen jetzt aus? Wann geht der Wecker? Was geht über den Tag für Sie normalerweise an Programm ab?

Martina Merz: Ich bin ein richtiger Frühaufsteher. Mein Wecker klingelt tatsächlich um 5 Uhr morgens.

Journalistin: Einmal oder mit Snooze-Funktion? Stehen Sie direkt auf?

Martina Merz: Ich stehe zwischen 5 Uhr und 5:30 Uhr auf. Dann frühstücke ich, mache mir einen Tee, aber dann beginne ich mit der Arbeit zwischen 6 Uhr und 6:30 Uhr. Also bin ich ein richtiger Frühaufsteher und ich arbeite auch früh. Ich bin nicht diejenige, die am Abend noch bis um 23 Uhr am Schreibtisch sitzt. Ich bin Frühaufsteher und dann im Laufe des Tages habe ich viele Treffen zu vielen Themen und lerne das Unternehmen dabei immer besser kennen. Ich versuche mit den Menschen, die ich treffe in jedem einzelnen Fall zu überlegen, was wir anders machen können, um die Dinge zu verändern. Der große Teil des Tages ist, sich zu überlegen, was man anders machen kann, ohne das nicht wert zu schätzen, was schon gut gemacht worden ist.

Journalistin: Wo liegt im Moment Ihre größte Aufgabe? Wo müssen Sie am meisten gerade Hammer und Meißel auspacken und sich hinter klemmen?

Martina Merz: Das war natürlich in den ersten Monaten ganz maßgeblich die Fragestellung, wie können wir dieses Schiff aus den Untiefen heraus manövrieren und wie kann man langfristig dieses Schiff so gestalten, dass uns sowas nicht wieder passiert.

Journalistin: Ich habe gerade darüber nachgedacht, wie dieses Schiff überhaupt so rein geraten konnte, aber da waren Sie ja noch gar nicht da.

Martina Merz: Also wenn wir in der Schiffssprache bleiben - ich denke es ist eine Kombination aus Massenträgheit, wenn so etwas Großes einmal in Fahrt ist, dann ist es auch gar nicht so einfach, die Richtung zu wechseln. Dann haben sich zu Beginn letzten Jahres plötzlich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erheblich verschlechtert durch die Handelsgespräche oder Nichthandelsgespräche zwischen den USA und China, und auch in Deutschland haben sich die Rahmenbedingungen verschlechtert. Diese eigentlich gute Idee ist dann nicht mehr möglich gewesen. Tatsächlich ist es auch in allen mir bekannten Krisenfällen so, dass wenn man in der Krise ist, natürlich auch etwas anfälliger ist.

Journalistin: Wie gehen Sie das denn an? Wie kriegen Sie da die Mannschaft wieder vitalisiert und in die richtige Spur?

Martina Merz: Erstens, indem man viel redet. Aber dann muss man auch etwas tun, das eine Befreiung schafft. Diese Möglichkeit, die uns sehr schwer fällt und auch schmerzhaft ist, verschaffen wir uns jetzt dadurch, indem wir die Elevator-Transaktion prüfen.

Journalistin: Das Aufzugsgeschäft.

Martina Merz: Ja, quasi unsere Perle wird jetzt wohl zu diesem wesentlichen Schritt, der uns in die Lage versetzt, dieses Schiff aus der Untiefe raus zu lenken.

Journalistin: Wie ist der aktuelle Stand?

Martina Merz: Wir sind nach wie vor dabei, sowohl den Börsengang einerseits, als auch einen Teil- oder Vollverkauf an strategische Finanzinvestoren zu prüfen. Wir sind jetzt auf der Zielgeraden. Wir bekommen die Angebote, diskutieren sie, sind aber auch bei der Vorbereitung des Börsengangs jetzt in den letzten Wochen. Wir liegen im Plan und denken, dass wir die Entscheidung Ende Februar treffen können.

Journalistin: Jetzt sind Sie in diesem Job, so viele Aufgaben haben Sie vor der Brust. Was tun Sie denn, um sich selbst noch ein bisschen freien Kopf zu gewähren?

Martina Merz: Also durch die vielen Menschen, diese wunderbare Diversität bei thyssenkrupp kriegt man schon ziemlich viel frische Luft in den Kopf. Ich empfinde das auch nicht immer als Arbeit. Ich bin gerne hier, das Gespräch jetzt mit Ihnen übrigens, empfinde ich nicht als Arbeit.

Journalistin: Das ist doch schön.

Martina Merz: Wenn Sie mich so fragen, ich treibe ein bisschen Sport.

Journalistin: Was für Sport?

Martina Merz: Ich laufe. Ich mache jeden Morgen dieses weltberühmte Seven Minutes-Workout der New York Times. Das finde ich gut. Ich gehe auch gerne im Grugapark Laufen, zweimal pro Woche, wenn auch nicht so lange. Ich bin der typische 5 Kilometer Jogger, nicht der 20 Kilometer Athlet. Aber ein bisschen frische Luft tut gut.

Journalistin: Und Kopf durchpusten. Vielen Dank Frau Merz für das erste Audiogramm mit thyssenkrupp von thyssenkrupp hier aus Essen.

Martina Merz: Dankeschön, Frau Mutterer.