„Ich habe keinen Prioritätskonflikt in mir.“

Materials Services CEO Martin Stillger im Gespräch über zentrale und lokale Maßnahmen in der Coronapandemie, den traurigen Ernst der Situation sowie über Geschäftinteressen und das Wohl der Mitarbeitenden.

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Felicia Mutterer: Willkommen zum Audiogramm von thyssenkrupp. Wer in den letzten Tagen den Namen des Unternehmens zum Beispiel gegoogelt hat, konnte die neuesten Nachrichten zu den Bilanzen nachlesen und sehen, wie angeschlagen thyssenkrupp ist. Schon vor Corona war die Sanierung eine große Herausforderung – Durch Corona ist es nun eine gewaltige.

Zeit für Informationen aus erster Hand. Mein Name ist Felicia Mutterer und ich begrüße Sie zu dieser Ausgabe mit Martin Stillger, dem Vorstandssprecher von thyssenkrupp Materials Services. Hallo Herr Stillger, schön, dass Sie dabei sind.

Martin Stillger: Hallo Frau Mutterer, guten Morgen.

Felicia Mutterer: Herr Stillger, in Ihrem Linkedin-Profil haben Sie den Spruch hinterlegt, dass man nicht nur dafür verantwortlich ist, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut. Warum ist Ihnen der Spruch so wichtig?

Martin Stillger: Weil ich es unglaublich wichtig finde, dass man auch Dinge, die man vielleicht nicht direkt auf dem Schirm oder direkt auf der Agenda, die aber wichtig sind, trotzdem tut. Weglassen ist dann im Prinzip eine Lücke, die an aufmacht. Und die offene Lücke kann zu Problemen führen. Also muss man auch Verantwortung übernehmen für Dinge, die man bewusst nicht tut.

Felicia Mutterer: Sie haben viel Verantwortung übernommen. Im Dezember 2019 haben Sie die neue Aufgabe als Vorstandssprecher von thyssenkrupp Materials Services übernommen. Das ist die Werkstoffhandels- und Servicesparte. Was haben Sie damals gedacht, was Ihre größte Herausforderung wird?

Martin Stillger: Die größte Herausforderung in unserem Geschäft ist natürlich die, dass wir in 40 Ländern dieser Welt an 480 Standorten tätig sind. Es ist ein Bereich, der bewusst alles zum Thema Werkstoffe und Servicedienstleitungen am Kunden vereint, aber er ist schon sehr breit. Man muss eben auch ein breites Portfolio steuern können, und das finde ich, ist eine große Herausforderung.

Felicia Mutterer: Die wäre eigentlich schon groß genug, aber dann kam die Coronapandemie. Wie geht es denn den Mitarbeitenden?

Martin Stillger: Ich muss leider sagen, dass wir einen Todesfall gehabt haben. Corona ist ein sehr ernstes Thema. Und es hat sich eben auch gezeigt, wie ernst es sein kann, denn wir haben eine Mitarbeiterin verloren, die bei unserer Gesellschaft in den USA gearbeitet hat. Sie ist an den Folgen der Coronaerkrankung verstorben, und das trifft mich sehr.

Felicia Mutterer: Dabei haben Sie ja alles versucht, um mit einem Krisenstab das zu verhindern…

Martin Stillger: Ja, wir haben unseren Krisenstab im Februar gegründet auf BA-Ebene. Das war direkt zum Beginn der Krise. Der Krisenstab vereint verschiedene Funktionen, zum Beispiel neben dem Management, den Personalbereich, den Arbeitssicherheits- und Gesundheitsbereich, die Kommunikation und den Betriebsrat. Sodass wir verschiedene Stakeholder im Krisenstab drin haben mit verschiedenen Aspekten und bestmöglich agieren können. Darüber hinaus gibt es natürlich auch den Gesetzgeber, der im jeweiligen Land über behördliche Regelungen Dinge festlegt. An die halten wir uns natürlich auch, wir sind aber im Prinzip immer sehr frühzeitig und sehr scharf unterwegs, denn wir wollen unseren Mitarbeitern das Bestmögliche bieten.
Ein Beispiel dafür ist, dass wir im Krisenstab sehr frühzeitig über Risikogruppen gesprochen haben und sehr konsequent unseren Gesellschaften erklärt haben, dass wir wollen, dass Risikogruppen zuhause bleiben. Auch wenn schwangere Mitarbeiter nicht betroffen sind und keine direkte Risikogruppe sind, haben wir frühzeitig entschieden und gesagt, dass wir möchten, dass Schwangere zuhause bleiben. Weil wir unbedingt möchten, dass jemand, der schwanger ist, nicht in dem Stress arbeitet und in der Not, dass er vielleicht doch sich oder für das ungeborene Leben etwas einfängt. Darum haben wir gesagt, wir möchten nicht, dass jemand, der schwanger ist, Stress hat, und wir möchten, dass er zuhause bleibt.

Felicia Mutterer: Was hat der Krisenstab schon ganz konkret bewirkt, positiv?

Martin Stillger: Der Krisenstab hat zum Beispiel bewirkt, dass in Ländern, in denen vor Ort keine Masken zu bekommen waren, wir aus anderen Ländern, mit anderen Verbindungen, die wir haben, in diese Länder 10-, 20-, 30-, 40.000 Masken steuern konnten, und den Leuten vor Ort so helfen konnten. Das hätten sie alleine wahrscheinlich aus eigener Kraft nicht geschafft, weil Sie vor Ort mit ihrem Latein am Ende waren. Wir mit unseren internationalen Möglichkeiten konnten aber steuern und helfen. Und das ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch ein Krisenstab, der zentral tätig ist, vor Ort helfen kann.

Felicia Mutterer: Und dann haben Sie es ja noch in die italienische Presse geschafft, thyssenkrupp. Mit vorbildlicher Arbeit.

Martin Stillger: Ja, unsere Kollegen in Italien sind natürlich in einem schwer getroffenen Land unterwegs und mussten da auch besonders performen. Und die Kollegen bei AST und bei Terninox haben wirklich vorbildlich gehandelt. Die waren sehr, sehr schnell in den Maßnahmen, die sie eingeleitet haben, die waren auch in der Regel vor irgendwelchen behördlichen Maßnahmen bereits unterwegs. Die sind auch weiter gegangen als das, was die behördlichen Maßnahmen verlangt haben. Und die haben auch sehr großes persönliches Engagement gezeigt. Ich war total begeistert, als ich gehört habe, dass zum Beispiel unser Geschäftsführer bei Terninox in Mailand morgens früh um 5 Uhr 30 am Werkstor stand und die Mitarbeiter, die zur Arbeit kamen, informiert hat, aufgeklärt hat. Wir haben dort sofort umfassende Maßnahmen für Hygiene und für Schutz getroffen, wir haben über den Virus aufgeklärt, über die Gefahr aufgeklärt. Das ist auch nicht nur an einem Morgen erfolgt, sondern das ist ein kontinuierlicher Prozess. Die Mitarbeiter haben das das auch erzählt, auch Gewerkschaften haben das mitbekommen. Daher haben wir es in die italienische Presse geschafft, die darüber berichtet haben, wie vorbildlich wir uns in dem Bereich verhalten haben.

Felicia Mutterer: Jetzt haben wir, abgesehen von dieser traurigen Todesnachricht, ja insgesamt eine etwas entspanntere Lage, zumindest ist das in Deutschland so. Auch angesichts der gelockerten Maßnahmen und gleichzeitig bei der angespannten Konzernsituation, ist da gar keine Zwickmühle in Ihnen, zu entscheiden, welche Prioritäten Sie setzen?

Martin Stillger: Nein. Nein, ich habe da überhaupt keinen Prioritätskonflikt in mir. Das Wohl unserer Mitarbeiter ist das höchste Gut. Das geht auch vor irgendwelchen geschäftlichen Aktivitäten. So haben wir entschieden, und so steuern wir jeden Tag.

Felicia Mutterer: Danke, Martin Stillger, Vorstandssprecher von thyssenkrupp Materials Services, heute im Audiogramm Nummer 8.

Martin Stillger: Ich bedanke mich auch für das Interview.

Felicia Mutterer: Ich bedanke mich bei Ihnen fürs Zuhören, bleiben Sie gesund und bis zum nächsten Mal.