Anja Berkenfeld über Corona-Pandemie bei thyssenkrupp

Wenn es um Gesundheit am Arbeitsplatz geht, ist Dr. Anja Berkenfeld die erste Ansprechpartnerin bei thyssenkrupp. Seit 18 Jahren ist die Fachärztin für Innere Medizin und Arbeitsmedizin im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz von thyssenkrupp tätig. Dabei trifft sie aber nicht nur auf Schnupfnasen und Schnittwunden. Seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus ist die Eindämmung einer globalen Pandemie ein wesentlicher Teil ihrer täglichen Arbeit geworden.

Wir haben mit Frau Dr. Berkenfeld über die aktuelle Situation bei thyssenkrupp und die Arbeit ihres Teams im Umgang mit dem Virus gesprochen.

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Liebe Frau Berkenfeld, Ende Februar haben wir ein Interview zum neuartigen Coronavirus geführt. Seit dem Interview sind 2 Monate vergangen – wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Anja Berkenfeld: Das Coronavirus hat sich weltweit rasant ausgebreitet – wir alle kennen die Medienberichte. Wir bei thyssenkrupp haben die Lage die gesamte Zeit über genau beobachtet und abgewogen, welche Maßnahmen als Reaktion sinnvoll und notwendig sind. Wir haben früh und umsichtig gehandelt. Für mich persönlich waren die letzten Wochen vor allem von vielen Gesprächen in den Krisenstäben, der Erarbeitung von Konzepten und der Beschaffung von Schutzausrüstung geprägt.

Wie ist die aktuelle Lage im Unternehmen?

Anja Berkenfeld: Die Lage bei uns im Unternehmen ist je nach Land und auch Unternehmensbereich sehr unterschiedlich. In China, wo wir vor einigen Wochen den Höhepunkt der Coronavirus-Ausbreitung erlebt haben, fahren wir den normalen Betrieb wieder hoch. In Europa und Amerika sieht das anders aus. An zahlreichen Standorten mussten wir die Produktion drosseln oder Werke vorübergehend stilllegen. Das gilt insbesondere für das Automobilgeschäft. Wir haben aber auch viele Werke, die normal weiterlaufen – natürlich mit einer der Pandemie angepassten Arbeitsweise und nötigen Schutzmaßnahmen. Bei thyssenkrupp Rasselstein haben wir beispielsweise eine äußerst gute Situation, denn die Nachfrage nach Verpackungsstahl für Dosen aller Art ist seit der Krise gestiegen. Dort, wo es möglich ist, arbeiten wir von zuhause aus. Das sind derzeit rund 30.000 Kolleginnen und Kollegen.

Bei den Stahlkollegen in Duisburg ist ganz klar, so einen Hochofen kann man nicht einfach ausstellen – daher müssen auch einige Kollegen vor Ort im Einsatz bleiben. Nach welchen Kriterien entscheidet thyssenkrupp, wer Home Office macht, welche Standorte schließen und wer weiter arbeitet?

Anja Berkenfeld: Die Entscheidung treffen unsere Geschäfte vor Ort – sie können am besten abwägen, was die sinnvollsten Maßnahmen sind – sowohl für die Gesundheit und das Wohlergehen der Mitarbeitenden als auch für das Geschäft selbst. Daher treffen die Krisenstäbe und das lokale Management diese Entscheidung, wir von OSH beraten. Kann die Arbeit von Zuhause erledigt werden? Wenn nicht, können wir Prozesse so umstellen, dass Hygienemaßnahmen wie die Abstandsregeln eingehalten werden können? Welche Schutzausrüstung wird benötigt, um die Mitarbeitenden vor einer Infektion zu schützen? All diese Fragen müssen beantwortet werden.

Was passiert, wenn sich ein Mitarbeiter oder Mitarbeiterin von thyssenkrupp mit COVID-19 ansteckt?

Anja Berkenfeld: Sollte es zu dem Fall kommen, dass eine Kollegin und oder ein Kollegen Symptome einer möglichen Covid19-Erkrankung aufweist, so folgen wir unseren Abläufen des Pandemiemanagements in enger Abstimmung mit den lokalen Behörden. Dazu gehört, dass die Person bis zur Auswertung des Tests zuhause bleibt. Diese Zeit, die jemand mit dem Verdacht auf Infektion in Absprache mit Vorgesetzten zu Hause verbringt, wird dazu genutzt, um sich einen Überblick über potenzielle Kontaktpersonen zu verschaffen. Je nach Intensität des Kontakts verbleiben diese vorsorglich zu Hause. Wir bestimmen jemanden, der engen Kontakt zum Verdachtsfall hält, um möglichst bald zu erfahren, ob aus dem Verdachtsfall ein bestätigter Fall geworden ist. Bei einem bestätigten Fall koordinieren dann das Gesundheitsamt und der lokale Krisenstab die weiteren Schritte. Je nach Bewegungsprofil des Betroffenen und dem Kreis der möglicherweise Gefährdeten werden abgestufte Vorkehrungen getroffen, um andere Mitarbeitende zu schützen.

Als Betriebsärztin sitzen Sie mit in Krisenstäben. Wie hat sich die Koordination der Sicherheitsmaßnahmen auf internationaler Ebene gestaltet? Worin haben sich die Länder, in denen thyssenkrupp vertreten ist, am meisten unterschieden?

Anja Berkenfeld: Das Coronavirus hat immer die gleiche Biologie. Daher sind die Grundbotschaften auch immer die Gleichen. Allerdings fahren unterschiedliche Länder teilweise sehr unterschiedliche Strategien und haben unterschiedliche Gesundheitssysteme. Dies muss dann in den entsprechenden lokalen Krisenstäben berücksichtigt werden.

Schauen wir etwas in die Zukunft. Wie wird die Realität an deutschen Standorten in der Zukunft aussehen?

Anja Berkenfeld: Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keinen wirksamen Impfstoff im Kampf gegen das Coronavirus. Wir müssen also lernen und akzeptieren, dass das Virus bis auf Weiteres Teil unseres Lebens sein wird. Daher bin ich auch der Meinung, dass wir raus müssen aus dem dauerhaften Krisenmodus. Wir müssen bei allem, was wir in Zukunft planen und managen, das Virus mitbedenken. Das muss Teil des normalen Handelns werden.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der aktuellen Pandemie verlangen uns allen viel ab: Persönliche Kontakte zu Kollegen, Freunden oder den Großeltern sollen auf ein Minimum reduziert oder ganz unterlassen werden. Dazu kommt für viele Berufstätige eine Doppelbelastung durch die Kinderbetreuung. Was macht das mit uns?

Anja Berkenfeld: Die getroffenen Maßnahmen sind wichtig, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen und Zeit für die Forschung nach einem Impfstoff zu gewinnen. Klar ist aber auch: Sie haben einen enormen Einfluss auf das gesamte Leben. Die häusliche Isolation, der fehlende persönliche Kontakt und natürlich auch die Informationsflut negativer Nachrichten fällt vielen Menschen sehr schwer und kann auch das seelische Wohlbefinden beinträchtigen. Der zusätzliche Stress durch eine fehlende Kinderbetreuung kommt hinzu.

Wie können wir mit diesem zusätzlichen Stress besser umgehen und auch unsere Kollegen in dieser schwierigen Zeit unterstützen?

Anja Berkenfeld: Den Tag gut strukturieren, sich bewusst über die aktuelle Lage informieren und Dinge tun, die einem guttun – das sind aus meiner Sicht wichtige Bausteine, um mit der aktuellen Lage besser umgehen zu können. Der Spaziergang an der frischen Luft oder die Runde mit dem Fahrrad können dabei helfen, Abstand zu gewinnen und den Stress abzubauen.

Außerdem ist es wichtig, in Zeiten von „Social Distancing“, soziale Kontakte zu pflegen. Und hier hilft uns die Digitalisierung. Viele nutzen bereits Video-Calls, um sich auszutauschen und ein Gefühl der Nähe zu schaffen. Und das ist auch im Arbeitskontext wichtig. So können das Mittagessen oder auch die Kaffeepause virtuell gestaltet werden.

Hilfreich kann auch Rat von außen sein. In Deutschland bieten wir beispielsweise eine Hotline zur vertraulichen Beratung an. Das Angebot umfasst nicht nur eine psychologische Beratung, sondern auch eine ärztliche Gesundheitsberatung und unterstützt bei finanziellen Sorgen. In anderen Ländern haben wir ähnliche, lokale Angebote.

Viele Mitarbeiter, vor allem im Service und in den Werken, sorgen sich um ihre Gesundheit. Haben Sie Tipps, wie sich die Kollegen auf dem Weg zur Arbeit und während ihrer Arbeitszeit schützen können?

Anja Berkenfeld: Abstand und Hygiene ist das Wichtigste. Wenn jeder die einfachen Regeln einhält: Hände waschen, Abstand halten und Niesetikette, haben wir eine gute Waffe gegen das Coronavirus.

Unter dieser Maßgabe tun wir alles, um unsere Mitarbeitenden in den Werken zu schützen. Schichten wurden verteilt, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Dort, wo es nicht möglich ist, setzen wir auf Schutzausrüstung.

Was können die Kollegen in dieser schwierigen Zeit selbst für ihre Gesundheit tun – und was wäre die richtige Vorgehensweise, wenn sie vermuten sich selbst angesteckt zu haben oder psychisch unter der Pandemie leiden?

Anja Berkenfeld: Bei Verdacht einer Corona-Infektion sollte der erste Schritt sein, seinen Hausarzt telefonisch zu kontaktieren. Dieser wird die Symptome einschätzen können und dann auch entscheiden, ob ein Test durchgeführt werden soll. Sollten Mitarbeitende aufgrund der Pandemie unter seelischem Druck leiden oder sich erschöpft fühlen, ist es wichtig, sich jemandem anzuvertrauen. Freunde oder die Familie können hier eine wichtige Stütze sein – oder eben auch die schon genannte externe Unterstützung.

Wie haben Sie selbst in Ihrem Arbeitsalltag und in Ihrem Team die Umstellungen durch die Corona-Pandemie erlebt?

Anja Berkenfeld: Mein Strategieteam arbeitet vollständig von Zuhause aus. Das Medical Center leistet eine Notfallbereitschaft vor Ort und arbeitet auch aus dem Home Office. Mittlerweile finden auch arbeitsmedizinische Beratungen, soweit möglich, per Telefon statt.

Das klappt unglaublich gut und ich hoffe, dass wir diese positive Erkenntnis für die Zeit nach der Corona-Krise mitnehmen können. Viel wurde über New Ways of Working gesprochen, jetzt tun wir es. Die unterschiedlichen Funktionen und Bereiche rücken enger zusammen und sind mehr im Austausch – das sollten wir uns für die Zeit nach der Krise unbedingt bewahren.

Was waren Ihre größten Sorgen, als die Infektionszahlen mit COVID-19 – und in den vergangenen Wochen nun leider auch die Todeszahlen – auch hierzulande stiegen?

Anja Berkenfeld: Wir sind in Deutschland derzeit auf einem sehr guten Weg im Managen dieser Situation. Meine größte Befürchtung ist, dass wir jetzt übermütig werden. Entscheidend für die Zukunft ist die konsequente Umsetzung von Abstand und Hygiene. Hier ist jeder Einzelne gefragt. Sonst ist dieser anfängliche Erfolg sehr schnell Geschichte.

Was haben Sie persönlich als größte Herausforderung im Umgang mit der Pandemie empfunden?

Anja Berkenfeld: Die größte Herausforderung ist es, ein gemeinsames Verständnis der Sachverhalte zu erreichen. Dies ist uns bei thyssenkrupp recht gut gelungen. Jetzt braucht es aus meiner Sicht Durchhaltevermögen und eine andauernde Achtsamkeit, um jederzeit auf aktuelle Gegebenheiten zu reagieren. Wir alle haben es mit einer neuen Situation zu tun. Insofern müssen wir Entscheidungen treffen und jederzeit bereit sein diese zu hinterfragen und gegebenenfalls abzuändern.

Was werden Sie persönlich aus dieser Situation mitnehmen?

Anja Berkenfeld: Wie gut und effizient wir über Abteilungs- und Bereichsgrenzen hinaus zusammenarbeiten können. Davon bin ich echt begeistert! Wir arbeiten im Konzern aktuell so gut und eng zusammen wie noch nie. Dinge werden schnell angegangen und umgesetzt. Alle sind auf das Wesentliche fokussiert – das ist schön zu sehen und ich hoffe, dass wir das auch in Zukunft aufrechterhalten können.